Till Erdmenger – Businessfotos | Blog

KI-Bildkritik? Das interessiert nicht die Bohne

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Der Fotograf Peter Fenech schrieb auf Techradar über ein Experiment, bei dem er ChatGPT damit beauftragte, einige seiner Fotos zu kritisieren. Er fasst seine Erfahrungen folgendermaßen zusammen: Ihn habe positiv überrascht, dass die KI über verschiedene Fotos hinweg seinen typischen Beleuchtung-Stil erkannte. Ihm fiel aber auch auf, dass die KI durchwegs freundlich, positiv und bestätigend „kritisierte“, um den Nutzer nicht zu verärgern. Die KI sei darüber hinaus zwar exzellent in der technischen Analyse, könne jedoch das Feedback echter Kollegen nicht ersetzen.

Natürlich fand ich die Idee erstmal spannend und probierte kurzerhand mit der von mir häufig befragten KI Perplexity herum. Aus purer Bequemlichkeit nahm ich ein Foto von meinem ersten Film des Jahres als Beispiel und beauftragte die KI wie folgt: „Bitte schreibe mir deine ehrliche Meinung zu diesem Foto und berücksichtige dabei, dass das Foto analog und bewußt in schwarzweiß aufgenommen wurde, ich Profi-Fotograf bin und das Bild als persönliches Projekt fotografiert habe.“

Die KI antwortete: „Das Foto zeigt eine klassische, reduzierte Architekturaufnahme in bewusstem Schwarzweiß, die durch die analoge Optik eine feine Körnung und natürliche Tonabstufungen erhält – das unterstreicht den gewählten Stil hervorragend.​“ Soweit enthält der Text nur unspezifische Klischees. Naja. Weiter heißt es: „Die klare Symmetrie der hellen Gebäudezeile mit ihren rhythmischen Fensterreihen kontrastiert stark mit der massiven, texturierten Steinmauer darunter, was eine spannende vertikale Dynamik erzeugt. Der Schnee auf der Mauer fügt dezente Helligkeitsakzente hinzu und betont die Kälte des Wintersinns ohne abzulenken. Die bewusste SW-Entscheidung verstärkt die abstrakte Formensprache und vermeidet Farben, die den Fokus auf Struktur und Material lenken würden – als persönliches Projekt wirkt das wie eine gelungene Studie zur Geometrie Salzburger Altstadtmauern.​“ Nun beweist die KI, dass sie recht präzise erkennt, was auf dem Foto zu sehen ist: Gebäude, Fenster, Mauer, Schnee. Toll.

„Verbesserungspotenzial: Die Aufnahme könnte durch eine leichte Verschiebung des Horizonts (Gebäude etwas höher) noch grafischer werden, da der untere Maueranteil derzeit überwiegt und die Balance kippt. Der obere Rand mit dem leeren Himmel wirkt etwas leer – ein bewusster Schnitt knapp unter der Dachkrone hätte die Isolation des Baus intensiviert. Technisch bleibt die Schärfe homogen, aber die analoge Körnung könnte im unteren Drittel (Schneeflecken) subtil geglättet werden, um Texturfreuden nicht zu opfern.​“ Jetzt wird es abstrus: Die Komposition entspricht offenbar nicht dem klassischen „Goldenen Schnitt“, weshalb eine Änderung des Ausschnitts empfohlen wird – soweit komme ich mit. Was aber mit der „Dachkrone“ gemeint ist, erschließt sich mir nicht. Selbst wenn es um den Dachfirst ginge, würde ein Schnitt unterhalb keinen Sinn ergeben. Dass ich bei einem analogen Foto partiell die Körnung glätten solle, widerspricht zumindest meinem Ansatz von authentischer analoger Fotografie – warum das natürliche Filmkorn aber „Texturfreuden opfert“, ist inhaltlich nicht zu erklären. Man kann aber herzlich darüber lachen.

„Gesamteindruck: Als Profi-Arbeit ein starkes, klares Statement: minimalistisch, fast meditativ, mit Potenzial für Portfolio oder Ausstellung in einer Serie historischer Fassaden. Es fängt Essenz statt Moment – genau das, was analoge SW-Ästhetik ausmacht. Persönlich reizt es mich, eine Variante mit leichtem Weitwinkel für mehr Kontext zu sehen, doch so ist es bereits ein Highlight deines Salzburg-Projekts.​“ Hier kommt dann die starke Affirmation, damit ich auch morgen noch KI benutze. Ich habe also verbriefterweise ein Meisterwerk geschossen! Dass die KI sich „persönlich“ eine Weitwinkelvariante wünscht, finde ich ebenfalls höchst bemerkenswert für ein Computer-Programm, dass im Grunde ein Energie-Fresser, Umweltzerstörer, Ausbeuter, Verdummungsapparat und Milliardärs-Bereicherer ist. Und keine Person.

Noch spannender als der oben verlinkte Beitrag und mein eigenes kleines Folge-Experiment ist allerdings die lange Diskussion auf Photrio, die sich aus diesem Zusammenhang entwickelt hat. Ich habe sie mal mithilfe der KI zusammengefasst:

Hauptargumente gegen KI‑Bildkritik

  • KI‑Kritiken werden als sprachlich glatt, aber inhaltlich austauschbar beschrieben, stark angelehnt an „Kunsthochschul-Jargon“, wie man ihn aus Art‑Reviews kennt. Das wirke generisch.
  • Mehrere Stimmen betonen, dass die KI zentrale Bildprobleme – etwa eine schwache oder chaotische Komposition – gar nicht wirklich adressiert und an der Oberfläche bleibt.
  • Es wird argumentiert, dass KI keine echte „viszerale“ Reaktion haben kann, also keine körperlich‑emotionale Resonanz auf ein Bild, und daher in der Tiefe nicht versteht, warum ein Foto wirkt oder nicht wirkt. Als Mensch verfüge man hingegen über Intuition oder Bauchgefühl.
  • KI sei auf Konvention und „Mehrheitsgeschmack“ geeicht und erkenne Innovation oder radikale Brüche (Impressionismus, Kubismus etc.) nur schlecht; deshalb eigne sie sich ungenügend, um kreative Sprünge zu würdigen.
  • Einige Teilnehmer sehen in KI‑Kritiken eine Gefahr der Vereinheitlichung: Wenn alle sich an denselben generischen Ratschlägen orientierten, würden Bilder stilistisch immer ähnlicher. Daraus folge eine konventionelle Mehrheitsästhetik, die die Kreativität gefährde.​
  • Es wird bemängelt, dass KI häufig Allgemeinplätze liefert („mehr Kontrast“, „Leading Lines“, „Schärfe“, „Rauschen reduzieren“), die sich kaum auf die konkrete Aufnahme beziehen.

Einige Photrio-Mitglieder sind aber auch vorsichtig optimistisch

  • Einzelne Beiträge weisen darauf hin, dass die von ChatGPT generierten Kritiken „nicht weit daneben“ liegen und etwa genauso hilfreich sein können wie manche menschliche Kritik, die oft genug ebenfalls mit Allgemeinplätzen arbeitet.
  • Positiv wird hervorgehoben, dass KI manchmal formale Beziehungen oder Zusammenhänge (z.B. zwischen Bild und Text) bemerkt, die der Autor selbst übersehen hat, und so durchaus anregende neue Perspektiven liefern kann.
  • Es wird betont, dass KI‑Systeme in bestimmten kognitiven Bereichen Menschen schon übertreffen und dass es zu früh sei, ihre Fähigkeiten in Bezug auf Wahrnehmung und Mustererkennung generell abzuschreiben.
  • Einige sehen KI eher als Werkzeug, das Vorschläge macht, während der Mensch kuratiert, filtert und die letztgültigen ästhetischen Entscheidungen trifft.

Philosophisch‑theoretische Argumente

  • Mehrere Beiträge diskutieren, dass menschliche Bildkritik stark körperlich sei: Intuition, Bauchgefühl, Erfahrungen – all das forme unsere Wahrnehmung und unser Urteil über Bilder.
  • Dem wird ein KI‑Modell gegenübergestellt, das keinen „Betrachter“ im physischen Sinn kennt, sondern lediglich Texte über ähnliche Bilder statistisch fortschreibt; daher seien seine Narrative von tatsächlichen Seherfahrungen abgekoppelt.
  • Es wird vorgeschlagen, KI eher als extrem intelligente, aber „autistische“ Entität zu denken: stark in der Analyse und Mustererkennung, aber mit großen Defiziten bei Empathie und verkörpertem Erleben.
  • Einige Foristen halten dagegen, dass sich auch „viszerale“ Muster letztlich statistisch fassen lassen könnten und KI solche Reaktionen eventuell in Zukunft modellieren könne, auch ohne eigene Körperlichkeit.

Ich fand die Lektüre der Diskussion erfrischend und interessant. Über die „Körperlichkeit“ von Kritik hatte ich bisher nicht die Bohne nachgedacht. Die Argumente bestätigen mich auch in meiner skeptisch-ablehnenden Tendenz gegenüber der KI, die letztlich stark in Analyse und Statistik, aber vollkommen machtlos in Kreativität und Empathie ist. Nicht selten ist mir schon der Gedanke gekommen, dass bei derart viel KI-erzeugten Inhalten, wie wir es momentan erleben, bald die KI nur noch von sich selbst oder dem Konkurrenz-Modell abschreibt. Das könnte zu einer Implosion führen, weil nicht neues mehr von außen dazu kommt. So ähnlich wie bei der adligen Inzucht der Habsburger, die immer stärker degenerierten, bis Karl der II. von Spanien ein derart vorstehendes Kinn hatte, dass er kaum sprechen oder kauen konnte.

Zu diesem Bildnis schreibt die KI übrigens: „Dieses Gemälde präsentiert ein markantes barockes Porträt, das durch seine expressive Gesichtsdarstellung und die opulente Materialität der Pinselstriche eine intensive psychologische Tiefe entfaltet. […] Besonders eindrucksvoll ist die modellierende Lichtführung: Weiches, diffuses Licht von links betont die Wangenknochen und Nase, während Schatten unter den Augen und am Kinn eine melancholische Vulnerabilität andeuten. […] Der Blick des Dargestellten – leicht schräg, mit geweiteten Pupillen – vermittelt eine Mischung aus Arroganz und Zerbrechlichkeit, die den aristokratischen Habitus des Barockadels einfängt. […] Als barockes Werk evoziert es die spanische Tradition des Realismus mit impressionistischen Zügen in der lockeren Pinselweise, die an späte Velázquez-Porträts (z. B. „Die Spinnstuben“) oder Carreas Frühwerke erinnert. […] Insgesamt ein Meisterstück der affektiven Bildsprache, das den Betrachter zur Reflexion über Macht, Jugend und Maskerade einlädt.“ Es darf erneut gelacht werden, oder?

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