Die Flut von Meldungen, die uns täglich erreicht, sorgt für fortdauernde Empörung. Diesen ohrenbetäubenden Krach produzieren bevorzugt autoritäre Machthaber und solche, die das gerne wären. Häufig genug mit dem Ziel, von anderen Ereignissen abzulenken. Das ist Teil einer (staatlichen) Strategie der Deutungshoheit, Framing und Rage-Baiting. Aber auch wer die „falschen Bilder“ verhindert, gewinnt Macht: Er kann seine Taten leichter leugnen, sie geschichtslos und gesichtslos machen.
Auf brutale und tragische Weise sehen wir diese Zusammenhänge quasi auf einer Micro- und einer Macroebene derzeit in den USA und im Iran.
Die Bevölkerung im Iran ist von der jahrzehntelangen Unterdrückung des islamistischen Regimes derart desillusioniert, dass sie derzeit zum wiederholten Mal auf die Straßen geht und protestiert. Diese Menschen sind so verzweifelt und perspektivlos, dass nicht einmal der eigene Tod sie noch abschreckt. Als Reaktion auf die Proteste schaltete das Regime Telefon- und Internet-Verbindungen ab und schickte seine Schergen los. Vermutlich zehntausende Menschen wurden getötet, weil sie sich den Führern entgegenstellten. Das Kappen der Kommunikationskanäle sorgt dafür, dass die Regierung behaupten kann, es gebe nicht mehr als etwa 3.000 Opfer. Bilder und Videos als Beweis der Massaker existieren vermutlich – sie gelangen aber kaum nach draußen. Sie sollen digital erstickt werden, bevor sie die Außenwelt erreichen. Die ZEIT zeigte gestern ein par wenige Aufnahmen, die durch irgendwelche Lücken des Internets zu ihnen telegrafiert wurden.

In den USA funktioniert das Internet zwar – die staatliche Willkür der Trump-Administration hat im vergangenen Jahr allerdings dennoch erschreckende Ausmaße angenommen. Die Verbrecher von ICE, einer Behörde, die in abscheulicher Gestapo-Manier Jagd auf vermeintlich illegale Bürger macht, haben in der vergangenen Woche ohne Grund die dreifache Mutter Renee Good erschossen. Es gibt von diesem Vorfall tatsächlich diverse Videos – sodass es relativ leicht fällt, den Hergang zu sehen. Dennoch behauptet die Regierung der USA im Nachhinein, die queere junge Frau sei eine inländische Terroristin gewesen. Der Täter genieße „volle Immunität“. Der Vorfall provozierte große Proteste in Minneapolis – und bei diesen Protesten wollte ICE offenbar dafür sorgen, dass keine weiteren Fotos von ihrem brutalen Vorgehen gegen die Protestierenden entstehen. Der Fotograf John Abernathy dokumentiert die Ereignisse, als er hinterrücks von ICE-Leuten attackiert und zu Boden gerissen wird. Innerhalb weniger Sekunden knien mehrere Männer auf ihm, schreien ihn an und setzen Tränengas gegen ihn ein. Abernathy gelingt es, seine Leica einem anderen anwesenden Fotografen zuzuwerfen, damit das teure Werkzeug nicht in ICE-Hände gerät. Mehr noch: Damit die Fotos nicht in ICE-Hände geraten. Dass sie gelöscht worden wären, liegt nahe. Die brisante Story kann man bei Petapixel nachlesen.
Die Angriffe auf Fotografen in Minneapolis und der Internet-Blackout im Iran zeigen eindrücklich, wie Staaten die Sichtbarkeit ihrer Repression kontrollieren wollen – mit einem einzigen Ziel: Pressefotos als unbequeme Beweise unsichtbar zu machen. Echte Bilddokumentation wird so zum Schlachtfeld um Wahrheit und Erinnerung. Beide Szenarien teilen eine gnadenlose Logik der Unsichtbarmachung:
- Direkte Bedrohung der Dokumentation: In Minneapolis wird der Fotograf physisch attackiert, seine Ausrüstung bedroht. Im Iran wird die Infrastruktur gekappt, damit kein Mensch mehr Bilder von Gewalt und Folter hochladen kann.
- Beweiskontrolle als Machtmittel: Offizielle Narrative („Randalierer“, „ausländische Agenten“) sollen durch fehlende Bilder unanfechtbar bleiben.
- Risiko für alle Beteiligten: Vom Profi mit Presseausweis bis zum Bürger mit Smartphone – wer filmt oder fotografiert, wird zum Ziel. In beiden Kontexten wird die dokumentarische Arbeit von Journalisten und Bürgern nicht als Schutzgut (Pressefreiheit), sondern als Störung oder Gefahr behandelt.
Authentische Pressefotos zwingen hingegen die Öffentlichkeit zur Konfrontation mit realen Gesichtern und Wunden. Sie zeigen konkrete Situationen und lenken die Aufmerksamkeit von etwas Abstrakten („Unruhen“) hin zu betroffenen Individuen. Diese Konkretion macht staatliche Deutungsmacht angreifbar. Pressefreiheit dient immer der Machtbalance – daran haben nur leider immer weniger Herrschende ein Interesse. Allerdings können wir alle etwas für die freie Berichterstattung tun:
Die Politik muss überlegen, ob Sanktionen gegen solche Shutdowns und die Gewalt gegen Journalisten möglich sind. Sie muss sich weltweit für unabhängige Medien und die Arbeit von Reportern einsetzen sowie bedrohten Journalisten helfen.
Als Privatpersonen sollten Sie die Echtheit von „Fotos“ genau prüfen, denn grade in „Social Media“ verbreiten Trolle massenweise Fakes zu Propagandazwecken. Teilen Sie Bilder bitte nicht reflexhaft, sondern verifizieren Sie sie. Spenden Sie vielleicht darüber hinaus für Organisationen wie „Reporter ohne Grenzen“ oder bezahlen Sie für Ihre lokale Tageszeitung!
Und als Fotografen sollten wir ein Gespür dafür entwickeln, welche Situationen ggf. dokumentiert werden müssen – und damit meine ich keine Katzenvideos!


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