Till Erdmenger – Businessfotos | Blog

HOPE: Die Wahrhaftigkeit ist KI-resistent

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Innerhalb weniger Jahre hat in Bezug auf KI-Technik eine Kontextverschiebung stattgefunden: Wo noch neulich über die mangelnde Qualität der Ergebnisse gelächelt wurde, suchen wir heute schon nach jenen Aspekten, die wir Menschen der Maschine noch voraushaben. Dabei entstehen wertvolle Denkanstöße: Wie füllen wir den Begriff der Wahrhaftigkeit eines Bildes, wenn es zunehmend schwieriger wird, rein technisch zwischen Digitalfoto und KI-Bild zu unterschieden? Na gut, ich hätte da argumentativ die Materialhaftigkeit der Analogfotografie in petto – aber das soll heute nicht das Thema sein.

Christoph Künne diagnostiziert bei DOCMA: Die Bilderflut ist zur Sintflut geworden, die visuelle Kultur ertrinkt in ihrer perfekten Reproduzierbarkeit. Wenn jedes erdenkliche Motiv nur einen Prompt entfernt ist, verliert das reine Abbild seinen ökonomischen und kulturellen Wert. Die Antwort, die Künne vorschlägt, heißt „Wahrhaftigkeit“ – nicht als nostalgische Rückkehr zum Unbearbeiteten, sondern als spürbare Übereinstimmung von Absicht, Methode und Ergebnis.

In seinem „Wahrhaftigkeits-Audit“ fragt er: Warum muss dieses Bild existieren? Trifft es einen Nerv? Und – vor allem – ist der Prozess ehrlich? Dadurch entsteht plötzlich Mühe vor und nach der Produktion: In der Konzeptphase, in der eine persönliche Notwendigkeit formuliert wird, und in der Distribution, in der offen gelegt wird, wie das Bild entstanden ist. In einer Welt, in der Simulation normal geworden ist, wird diese Transparenz zum ästhetischen und ethischen Statement.

Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich beschreibt im ART-Magazin, was die oberflächliche KI-Perfektion ohne diese Wahrhaftigkeit täglich mit uns macht: Noch vor 20 Jahren reichte ein einzelnes, durchdachtes, künstlerisches Plakat, um Geschichte zu schreiben. Shepard Faireys Obama-HOPE-Poster wurde zur Ikone eines Wahlkampfs, verdichtete politische Sehnsüchte in vier Farben und einem einzigen Wort. Heute reicht ein einziger Prompt, um tausend Varianten derselben Ästhetik zu erzeugen – inklusive solcher, in denen Kriminelle im „HOPE“-Look gesucht werden. Aus Hoffnung wird plötzlich ein Fahndungsfoto. Dabei ist weniger die inhaltliche Aushöhlung durch die Massenhaftigkeit das Problem, sondern vielmehr die politisch motivierte Umcodierung.

Wolfgang Ullrich beschreibt diese Praxis als neue Form von Ikonoklasmus: Nicht mehr das Bild wird zerstört, sondern seine Bedeutung. KI-Bildgeneratoren produzieren im Sekundentakt Fake-Faireys, die kaum vom Original zu unterscheiden sind – und dadurch seine Wirkung sabotieren. Wenn das ikonische Motiv des Aufbruchs plötzlich mit der Rhetorik des „law and order“ verschmilzt, bleibt vom ursprünglichen Versprechen wenig übrig. Die Ikone wird nicht mehr übermalt, sie wird semantisch ausgehöhlt.

Was Ullrich und Künne für die Bildwelt beschreiben, erlebt Benjamin von Stuckrad-Barre (ja, den lese ich schon seit den 90ern ganz gern) im Feld der Literatur. KI, die aus Büchern lernt und neue Texte generiert, ist für ihn „absolute Perversion“ – Kunst ohne Künstler. Aufgrund der verwursteten Texte aber im Stil dieses oder jenes Autors. Sein Vorwurf richtet sich nicht so sehr gegen die Technik, sondern gegen den stillschweigenden Zugriff auf geistige Arbeit, die jemand in mühsamen Jahren hervorgebracht hat. Wenn Konzerne die persönliche Handschrift eines Autors in Trainingsdaten auflösen, bleibt am Ende nur noch eine verwertbare Ressource – losgelöst von Biografie, Verantwortung, Erfahrung.

KI entwertet Bilder und Texte durch ihre räuberischen Praktiken und die mühelose Massenproduktion – sie entwertet aber vor allem jene Praktiken, die sich ausschließlich über technische Perfektion, stilistische Gefälligkeit oder schnelle Reproduzierbarkeit definiert haben. Weil das Werkzeug alles kann, hat das Können bereits seinen Glanz verloren. Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum (wer summt jetzt auch grade die Titelmelodie der Sesamstraße?).

Das Warum erklärt sich nicht in der Fähigkeit, ein Motiv oder einen Schreibstil makellos abzubilden, sondern darin, eine Position zu formulieren, die sich nicht einfach synthetisieren lässt. Wahrhaftigkeit entsteht nicht, weil ein Bild oder Text „echt“ ist, sondern weil jemand bereit ist, Verantwortung für seine Entstehung und seine Wirkung zu übernehmen – in der Wahl der Mittel, in der Offenheit des Prozesses und, am wichtigsten vielleicht, in der Klarheit der Aussage.

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