Till Erdmenger – Businessfotos | Blog

Das erste Opfer der KI ist die Wahrheit. Fotografen wissen das schon länger

, , ,

Es gibt einen Satz, der sich in Mediendebatten großer Beliebtheit erfreut: „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.“ Simon Berlin hat ihn in der Süddeutschen Zeitung kürzlich leicht abgewandelt: Das erste Opfer der KI ist die Wahrheit. Und er hat recht – auch wenn sich das für jemanden, der täglich Kameras in der Hand hat, nicht ganz so neu anfühlt. Denn die Fotografie führt diesen Kampf schon etwas länger.

Wenn Vertrauen zur knappen Ressource wird

Was gerade auf gesellschaftlicher Ebene passiert, kennt die Fotografie aus eigener Erfahrung: Das ZDF sendet ein KI-generiertes Video ohne weiteren Hinweis. Das Weiße Haus manipuliert das Bild einer Bürgerrechtsanwältin per KI – ihre Haut künstlich abgedunkelt, ihr stoischer Gesichtsausdruck zur weinenden Karikatur verzerrt. Die sächsische Gewerkschaft der Polizei illustriert eine Pressemitteilung mit einem KI-Bild eines blutenden Beamten und versteckt den Hinweis darauf so klein, dass man ihn übersehen muss.

Das ist keine Kleinigkeit. Denn was dabei auf dem Spiel steht, ist Vertrauen – jene Ressource, die sich nicht auf Knopfdruck generieren lässt, aber mit einem einzigen schlecht gekennzeichneten Bild beschädigt werden kann. Und das Perfide daran: Der Schaden entsteht nicht nur dort, wo Fakes geglaubt werden, sondern auch dort, wo echte Bilder als Fakes abgetan werden. Rechtswissenschaftler nennen dieses Phänomen den „Liar’s Dividend“: Wenn alles gefälscht sein könnte, profitieren jene, deren Behauptungen am lautesten sind. Und natürlich leiden auch die echten Meldungen unter diesem „Generalverdacht“.

Donald Trump hat das zur Staatskunst erhoben. Videos, die ihm unangenehm sind, bezeichnet er als KI-generiert. Eine Kamala-Harris-Kundgebung mit zu vielen Anhängern? Angeblich ein Fake. Ronald Reagan, der vor vierzig Jahren eindringlich vor Zöllen warnte? Der Clip muss ja manipuliert sein. Früher verfing diese Strategie nicht. Heute, in der Ära des allgegenwärtigen KI-Slops, lässt sich kaum noch das Gegenteil beweisen. Man kommt ja auch gar nicht mehr dazu, weil bis zum Zeitpunkt des Fact-Checkings bereits drei neue Lügen geäußert wurden.

Die Gegenbewegung kommt – und sie schießt auf Film

Während sich Medienpolitik und Regulierung noch in endlosen Debatten über Standards und Labels verlieren, hat die Fotografie bereits reagiert. Und zwar auf eine Weise, die man vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte: Mit Analogfilm.

Eine Befragung des KI-lastigen Softwareunternehmens Aftershoot – man beachte die Ironie der Quelle – kommt zu dem Schluss, dass der Fototrend 2026 weg von der technischen Perfektion und hin zur Dokumentation echter menschlicher Erfahrungen geht. Analogfotografie soll dabei eine Schlüsselrolle spielen, während KI in den Hintergrund rückt – als schnelles Sortierwerkzeug, nicht als Bildautor.

Das klingt nach einer netten Randnotiz für Nostalgiker. Ist es aber nicht. Denn die Menschen, die heute zu Analogkameras greifen, sind oft gar keine Nostalgiker. Wie Fstoppers dokumentiert, haben viele von ihnen nie zuvor auf Film fotografiert. Sie entdeckten ihn grade neu – als bewusste Gegenreaktion auf die digitale Überreizung. Als Detox. Der Markt zeigt: Erstmals seit Jahrzehnten kommen wieder neue Kameras heraus, Filmhersteller kommen mit der Produktion kaum hinterher, gebrauchte Kameras verschwinden aus den Schaukästen der Fotohändler schneller als man einen Film einlegen kann.

Und es ist ja nicht nur die Fotografie: Vinylverkäufe stiegen von unter einer Million Einheiten Mitte der 2000er-Jahre auf fast 50 Millionen im Jahr 2023 – getrieben vor allem von jüngeren Käufern, die mit Streaming-Diensten aufgewachsen sind. Audio-Kassetten, analoge Synthesizer, mechanische Kameras – die Gemeinsamkeit ist keine Sentimentalität, sondern Physikalität: Diese Dinge kann man anfassen. Sie sind real. Sie existieren außerhalb der Cloud.

Beth McGroarty vom Global Wellness Institute formuliert es so: Es sei eine Rebellion gegen die körperlose, wegwerfbare digitale Welt der Bildschirme und ein Hunger nach physischen Objekten, die man berühren kann. Psychologen wissen schon lange, dass Menschen von Geburt an auf Berührung angewiesen sind. Das klingt fast zu einfach – und ist doch vielleicht der entscheidende Punkt.

Wahrhaftigkeit als Antwort

Was Fotografen hier intuitiv tun, hat Christoph Künne bei DOCMA konzeptuell durchdacht: Wenn jedes erdenkliche Motiv nur einen Prompt entfernt ist, verliert das reine Abbild seinen Wert. Die Antwort heißt nicht Rückkehr zum Unbearbeiteten, sondern Wahrhaftigkeit – die spürbare Übereinstimmung von Absicht, Methode und Ergebnis. Wer fotografiert, muss sich fragen: Warum muss dieses Bild existieren? Ist der Prozess ehrlich? Und – vielleicht das Wichtigste – bin ich bereit, Verantwortung für die Wirkung dieses Bildes zu übernehmen?

Auf Film zu fotografieren ist, in diesem Sinne, nicht allein ein ästhetisches Bekenntnis zum Korn. Es ist ein ganzheitliches Commitment: Man denkt nach, bevor man auf den Auslöser drückt. Man hat 36 Versuche, keine tausend. Das schafft eine Haltung zum Bild, die sich jeder KI-Generierung entzieht – nicht weil das Ergebnis unbedingt schöner ist, sondern weil der Prozess nicht übertragbar, dafür aber körperlich erfahrbar ist.

Das Bestätigungsproblem sitzt tiefer

Nun könnte man einwenden: Medienkompetenz! Kennzeichnungspflichten! Wenn alle wüssten, wie man KI-Bilder erkennt, wäre das Problem gelöst. Simon Berlin macht in seinem Essay in der SZ deutlich, warum das zu kurz greift: Medienkompetenz hilft gegen die direkte Wirkung von Desinformation. Den Bestätigungsfehler heilt sie nicht. Menschen neigen dazu, Informationen so zu interpretieren, dass sie ihre Vorurteile bestätigen. Wer ein Video sieht, das seine politische Überzeugung unterstützt, wird es schnell für echt halten. Wer die Aussage desselben Videos ablehnt, wird es eher als Fälschung bezeichnen. Generative KI liefert dabei nur die bequeme Ausrede: „Dieses Bild ist offensichtlich KI-generiert“ wirkt intellektueller als „Das passt nicht in mein Weltbild.“

Das Problem ist also nicht allein technisch, es ist eher epistemisch. Und die Fotografie – ausgerechnet das Medium, das seit seiner Erfindung mit der Frage nach der Wahrheit des Bildes ringt – ist vielleicht besser darauf vorbereitet als jeder Algorithmus zur KI-Erkennung.

Was bleibt

Beth Nicholls, Fotografin und Autorin bei Creative Bloq, bringt es auf den Punkt: Wer die wirklich wichtigen Momente des Lebens dokumentieren will, braucht einen Fotografen. Hochzeitsfotos lassen sich nicht prompten. Ein Kind, das seinen Abschluss macht, die Geburtstagsfeier einer geliebten Person: Diese Momente entziehen sich der Synthese – nicht weil die KI sie nicht imitieren könnte, sondern weil das Imitat keine Erinnerung trägt.

Und vielleicht liegt genau darin die Hoffnung: Nicht in Regulierung, nicht in Wasserzeichen, nicht in immer besseren Erkennungstools, sondern im menschlichen Hunger nach dem Echten. Nach dem Bild, das jemand in einem bestimmten Moment an einem bestimmten Ort gemacht hat, mit einer Kamera, die vielleicht sogar ein wenig gewackelt hat.

Das erste Opfer der KI mag die Wahrheit sein. Aber vielleicht ist die Gegenbewegung schon im Gange – und sie riecht nach Fixierbad, sie knistert bei 33 Umdrehungen, sie hat feuchte Schuhe vom weichen Moos und einen Mückenstich an der Wade.


Dieser Text ist teilweise mithilfe von KI entstanden. Ich habe damit die verschiedenen Argumente meiner Quellen extrahiert und sortiert, um meinen Text stringent zu machen. Die Quellen sind: Simon Berlin, „Das erste Opfer der KI ist die Wahrheit“, Süddeutsche Zeitung, 20.02.2026 · Beth Nicholls, „How badly has AI actually affected photography?“, Creative Bloq, 12.03.2026 · „Why Physical Media Is Making a Comeback Among Younger Generations“, Fstoppers, März 2026

Hinterlasse einen Kommentar