Till Erdmenger – Businessfotos | Blog

Der Foto-Knigge: Ein Jahrzehnt später

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Vor gut zehn Jahren habe ich an dieser Stelle den Entwurf für einen Foto-Knigge veröffentlicht. Ein paar Punkte, die mir im Umgang zwischen Profifotograf und Kunde wichtig erschienen: Pünktlichkeit, präzises Briefing, passende Nutzungsrechte, das Miteinander auf Events. Als ich dieser Tage einen Beitrag über ungeschriebene Regeln im Foto-Business bei fStoppers sah, mußte ich an meinen damaligen Text denken und habe mal nachgesehen, was daran zu modernisieren wäre.

Zehn Jahre können für mache Bereiche eine Ewigkeit sein – so war 2014 das Thema Social Media noch weit weniger dominierend, KI war für Normalsterbliche noch eine Utopie und sehr viele meiner Kollegen hatten damals eine regelrechte Allergie gegen den Begriff „digitale Nutzungsrechte“ und seine Umsetzung. Heute sind das alles Themen, die meine Kunden und mich täglich beschäftigen. Es ist also an der Zeit, meinen Knigge zu entstauben. Nicht weil er falsch lag — sondern weil die Welt sich weitergedreht hat.

Was noch gilt — und warum

Die Grundlage bleibt unverändert: Ein professioneller Fotograf ist kein Selbstbedienungsladen mit Kamera. Er ist Künstler, aber auch ein Dienstleister mit handwerklichem Anspruch. Das Verhältnis zum Kunden braucht Klarheit, Verbindlichkeit und gegenseitigen Respekt. Das klingt selbstverständlich, ist es aber leider nicht immer.

Pünktlichkeit, passendes Auftreten, eine vollständige Ausrüstung, die man wirklich beherrscht — all das gilt weiterhin. Ich ergänze es noch um eine Kleinigkeit: Früh genug vor Ort sein, um die Location kennenzulernen. Wer gleichzeitig mit dem Kunden am Set ankommt und dann erst anfängt, sich umzuschauen, wirkt unvorbereitet. Fünfzehn Minuten vorher da sein: Das kostet nichts außer etwas Disziplin und verändert den gesamten Eindruck, den ich bei meinen Kunden hinterlassen.

Das Briefing: Nicht unterschätzen, nicht abkürzen

Auch mein damaliger Punkt zum Briefing gilt nach wie vor — ich muß ihn aber prägnanter formulieren: „Machen Sie einfach, was Sie für richtig halten“ ist keine Einladung, sich künstlerisch zu verausgaben, sondern ein Hilferuf. Da herrscht offensichtlich noch Unsicherheit und der Kunde braucht Unterstützung, um das Ziel zu definieren.

Stellen Sie sich die Frage: Was gefällt mir an anderen Fotos? Gibt es Bilder, die ich als Referenz nennen oder heraussuchen kann — von der Website des Fotografen oder einem meiner Marktbegleiter? Sollen die Fotos eher hell und luftig oder dunkel und stimmungsvoll sein? Ist vielleicht ein Grafiker oder Webdesigner involviert, der für mich Social-Media-Content oder eine neue Webseite mit den Fotos bastelt – und der bestimmte Vorstellungen oder Vorgaben hat? Ein gutes Briefing gibt Klarheit und schützt beide Seiten vor Enttäuschungen.

Neu: Das Kameradisplay während des Shootings: Werkzeug, nicht Präsentationsmedium

Das ist einer der Punkte, die ich 2014 noch nicht formuliert hatte — obwohl ich die Situation auch damals längst kannte: Bitte erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen mitten im Shooting das Display hinhalte und eine beliebige, nicht ausgewählte Aufnahme zeige! Das Risiko ist größer als der Gewinn, denn Sie als mein Kunde sind kein Bildredakteur, der mit geübten Augen das Potenzial und die Komposition checkt. Sie sehen vielmehr sich selbst – kritisch, mit allen Fältchen die Sie auf den Fotos nicht sehen wollten 😉 Ein mittelmäßiges Testbild auf einem 3-Zoll-Display kann das Vertrauen in eine Stunde gelungener Arbeit erschüttern — und das lässt sich schwer wieder reparieren. Ich zeige vielleicht ein Bild, wenn es stark genug ist, um für sich zu sprechen. Eines. Dann geht die Arbeit weiter. Der Rest gehört in die Nachbearbeitung.

Die Frage der Zeit: Lieber vorsichtig kalkulieren

Diesen Punkt habe ich damals irgendwie übersehen. Eine „Lieferzeit“ sollte selbstverständlich genannt werden, aber natürlich gilt wie immer: Underpromise and overdeliver! Nenne ich zehn Tage und liefere nach einer Woche, ist das Erlebnis besser, als wenn ich die Bilder in fünf Tagen verspreche und nach einer Woche liefere – auch wenn das Ergebnis identisch ist.

Das gilt übrigens auch für die Reaktionszeit auf Anfragen. Wer zu Beginn einem neuen Kunden jede E-Mail innerhalb von einer Stunde beantwortet, erzeugt eine Erwartung, die er dauerhaft kaum halten kann. Man sollte von allen Seiten ein realistisches Tempo erwarten können. Das heißt bitte auch, als Kunde alle relevanten Informationen zeitgerecht an den Fotografen weiterzugeben 😉

Da bin ich mir noch nicht sicher: Vorschaubilder vorab?

Previewbilder sind eine einfache und wirkungsvolle Möglichkeit, Kunden zu begeistern. Die Freude über ein Shooting ist direkt nach dem Termin am größten. Wer drei bis fünf sorgfältig ausgewählte Vorschaubilder innerhalb eines Tages oder zwei Tagen liefert, trifft diesen Moment. Der Kunde hat etwas zum Teilen. Das Vertrauen in die Zusammenarbeit wächst. Und der Fotograf gewinnt Zeit für die vollständige Nachbearbeitung, weil der Kunde sich bereits gut aufgehoben fühlt. Nach meinem Dafürhalten ist es aber so: Der endgültige Look bei der Postproduktion eines Shootings entscheidet sich nicht immer so schnell – wenn die Vorschaubilder sich dann stilistisch von den Endergebnissen unterscheiden, kann ein Kunde auch frustriert sein oder sich wundern. Und grade bei kleineren Fotoaufträgen liegt gar nicht so viel Bearbeitungszeit zwischen einem Preview und dem Fertigstellen aller ausgewählten Fotos. Ich halte diesen Punkt für weniger entscheidend – oder was sagen Sie als mein Kunde dazu?

Neu: Namen kennen und nutzen

Ein Punkt, den ich unbedingt ergänzen muss, weil er so richtig „Knigge-mäßig“ ist: Prägen Sie sich den Namen Ihres Gegenübers ein – hören Sie aufmerksam zu und wiederholen Sie den Namen am besten laut: „Es freut mich, Sie kennenzulernen, Frau Schmidt“ – mit diesem Trick erinnern Sie sich viel besser an den Namen. Bitte verzeihen Sie Ihrem Fotografen aber auch, wenn er sich bei einer Veranstaltung oder bei Gruppenportraits nur an die Namen der wichtigsten Personen oder des Ansprechpartners erinnert. Ich weiß: Menschen, die sich wahrgenommen fühlen, entspannen sich. Und entspannte Menschen sorgen für bessere Fotos.

Verträge — auch mit Freunden?

Mein Punkt zu Nutzungsrechten von 2014 bleibt bestehen. Der Artikel auf fStoppers legt aber nahe: Auch Aufträge im Freundes- und Familienkreis sollten mit einem Vertrag geschützt werden. Mit diesem Vorschlag habe ich Mühe – es fühlt sich verkehrt oder mindestens seltsam an. Zurecht heißt es aber auch: Missverständnisse in diesem Bereich tun besonders weh. Entweder man agiert also unter Freunden wie mit einem fremden Kunden – dann ist eine klare Absprache oder ein Vertrag Pflicht. Oder man klärt mündlich, aber ebenso präzise, was unter Freunden der Deal ist. Das schützt die Freundschaft im Zweifelsfall.

Das Thema KI: Es verändert die Erwartungen

Dieser Punkt fehlt in meinem Knigge von 2014, weil er damals keine Rolle spielte. Heute ist er unvermeidlich. KI-generierte Bilder haben die Wahrnehmung von Fotografie verändert — nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. Viele Kunden kommen mit Erwartungen ins Briefing, die durch algorithmisch perfektionierte Referenzbilder geprägt sind. Manche wissen nicht genau, ob das Bild, das sie zeigen, überhaupt von einem Menschen fotografiert wurde – oder sie haben es sogar selbst per KI erstellt.

Als Fotograf muss ich heute mehr erklären als früher: Was ein professionelles Businessfoto von einem KI-generierten Bild unterscheidet, warum Authentizität — echte Menschen, echtes Licht, echte Momente — einen Wert hat, der sich nicht generieren lässt. Das ist keine Verteidigungsstragegie, sondern inzwischen ein Teil des Briefings. War es vor 10 Jahren noch der Mitarbeiter meines Kunden, der doch eine tolle Kamera hat, ist es heute Nano-Banana als „Konkurrent“ oder vermeintlich günstigere Alternative zu meinem professionellen Angebot.

Und der Preis?

Mein Entwurf von 2014 hat das Thema Honorar weitgehend ausgespart — denn das Thema Transparenz von Angeboten und Nutzungsrechten finde ich (auch heute noch) wichtiger. Der Artikel bei fStoppers besagt aber völlig zurecht: Als Fotograf sollte ich das berechnen, was meine Arbeit wert ist — und nicht mit Rabatten oder Mondpreisen locken. Wer zu günstig startet, baut ein Netzwerk aus Kunden auf, die Preis vor Qualität stellen. Ich hoffe: Professionelle Kunden sind bereit, für Qualität zu zahlen.

Ein Entwurf bleibt ein Entwurf

Der Titel meines Beitrags von 2014 hieß „Der Foto-Knigge: Ein Entwurf“. Ich hatte damals gehofft, dass sich Kollegen und Kunden mit eigenen Punkten melden würden. Das ist nur sporadisch passiert – darf sich aber gerne aus Anlass dieses Updates ändern 😉 Aber ok: Meine Punkte sind ja kein Regelwerk, das man wie ein Briefing abstimmt. Der „Knigge“ ist eine Haltung, die man entwickelt — und gelegentlich überprüft. Hab ich jetzt nach über zehn Jahren mal gemacht.

Wenn Sie meinen ursprünglichen Text zum Foto-Knigge nochmals in Ruhe lesen wollen, finden Sie ihn hier. Der Beitrag, der mich zum heutigen Text inspiriert hat, wurde bei fStoppers veröffentlicht. Und wenn Sie noch wichtige Punkte ergänzen möchten, schreiben Sie mir doch einfach einen Kommentar!

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