Machen wir uns ein Bild der Pandemie?!

Kaum ein Erwachsener kann an die Anschläge vom 11. September 2001 zurückdenken, ohne die Fotos der brennenden Türme des World Trade Centers vor Augen zu haben. Ikonische Bilder von weltbewegenden Situationen gibt es, seit die Fotografie journalistisches Tagesgeschehen einfängt. Vietnam? Das Foto der kleinen Mädchens, dass unbekleidet vor den Napalmbomben flieht. Bürgerkrieg in Spanien? Der Soldat, der tödlich getroffen zu Boden sinkt. Demonstrationen in China? Der einzelne Mann, der vor einer Reihe von Panzern auf dem Tiananmen-Platz steht. Wirtschaftskrise in den USA der 30er Jahre? Die besorgte Migrantenmutter im Zelt. Die Assoziationen liessen sich fortsetzen, ich habe dazu bereits mehrfach in diesem Blog geschrieben (z.B. hier und hier).

Wie sieht es aber für die derzeit weltbewegende Coronavirus-Pandemie aus? Dieser Frage spürt ein wichtiger Artikel der ZEIT nach, der zu Recht darauf hinweist, dass uns in erster Linie Bilder von leeren Städten und Autobahnen erreichen, viele Symbolbilder mit vermeintlichen Laboranten, Spritzen und Testbehältern (auch ich habe – bewußt – ein solches Symbolbild für diesen Beitrag ausgesucht). Bunte Grafiken. Aber nur wenige Fotos von den wirklich Betroffenen, von Kranken, Sterbenden, von abgekämpften Ärztinnen und den vielen Leichen. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht voyeuristisch, wäre aber nicht nur aus journalistischer Sicht höchst angebracht, sondern es würde wahrscheinlich auch vielen, die derzeit ungeschützt, abstandslos und nicht selten mit rechter Hilfe gegen Corona-Maßnahmen demonstrieren, vor Augen führen, wie real die mittlerweile rund 350.000 Toten weltweit sind. So sehr es schmerzt, sollten wir uns die Gefahr vor Augen führen, uns ein Bild der Pandemie machen. Fotos eignen sich dafür ganz hervorragend.

Wie sehr uns Fotos berühren, stellen Sie im übrigen auch fest, wenn Sie sich mal die Bilder des diesjährigen World Press Photo Award aufrufen. Die vielen schrecklichen Krisen auf der ganzen Welt sind medial derzeit etwas in den Hintergrund gerückt – sie sind aber immer noch da. Schauen Sie mal rein.