Nachdem mir neulich klar wurde, dass ich seit 40 Jahren „ernsthaft“ fotografiere, möchte ich nun regelmäßig nachsehen, welche Fotos aus früheren Jahren den Test der Zeit bestehen und auch heute noch ansehnlich sind. Ich begebe mich also als erstes zurück in das Orwell-Jahr 1984. Apple stellte den ersten MacIntosh vor und Weizsäcker wurde Bundespräsident. Ich war 11 Jahre alt und hatte grade meine erste eigene Kamera gekauft, eine Konica FC-1 mit einem 1,8/52mm Objektiv. Ein 35er und ein 135er kamen dann noch dazu. Da mein Vater begeisterter Kodachrome-Fotograf war, mir der Film aber zu teuer, belichtete ich stattdessen die damals recht neuen und sehr bunten Fuji-Diafilme. Umkehrfilm hat mich lange begleitet, ich hielt die billigen Farbnegative mit den oft schlechten Großlabor-Abzügen für minderwertig. Später habe ich sehr gerne Ektachrome belichtet, manchmal auch Agfa Scala. Das Dia von 1984, das ich herausgesucht und gescannt habe, zeigt einen nebligen Morgen im Wald – vermutlich waren wir sehr früh zu einer Wanderung aufgebrochen und die Sonne war noch nicht über den Bergkamm geklettert. Auch wenn der Vordergrund wegen des geringen Dynamikumfangs von Diamaterial im Dunkeln verborgen bleibt, finde ich die Tiefenstaffelung und die „Einrahmung“ recht gelungen für so ein Frühwerk 😉

Fast forward ins Jahr 1994. Mandela wird Präsident von Südafrika, die Bundesbahn wird privatisiert. Vor 30 Jahren hatte ich mein Abitur gemacht, meinen Zivildienst abgeleistet und begonnen, Politikwissenschaft und Sozialpsychologie an der Universität in Hannover zu studieren. Ich wollte Journalist werden und stellte mir vor, schreiben und fotografieren zu können. Die ersten Praktika bei Zeitungen brachten schnell die Erkenntnis, dass beruflich nur eins von beidem ging. 1996 entschied ich mich dann gegen das Schreiben und für die Fotografie – und beendete mein Studium. Wo genau das Foto entstanden ist, weiß ich nicht mehr – ich habe es ausgewählt, weil es meine schon damals ausgeprägte Vorliebe für Schwarzweiß-Fotografie und für Industrie-Motive zeigt.

Vor 20 Jahren ist Schröder Bundeskanzler und Zuckerberg gründet Facebook. Und ich lebe in der Schweiz. Schon 2003 war ich dorthin gezogen und hatte begonnen, für die AO Foundation zu arbeiten, einem internationalen Forschungsunternehmen mit Sitz in Davos. Für die AO fotografierte ich im Studio Prototypen von Nägeln und Platten zur Frakturbehandlung, ich war aber auch häufig in verschiedenen Spitälern der Schweiz live dabei, wenn bei Operationen die von der AO erforschten Methoden und Materialien benutzt wurden. Ich war aber auch noch weiter weg – in Australien, wo wir für ein paar Wochen den Süden und Osten bereisten. Das hier gezeigte Foto muss ich kaum erklären, es ist eine architektonische Ikone. Das Opernhaus in Sydney erkennt man auf den ersten Blick, auch wenn ich bewußt nur einen kleinen Teil gezeigt habe. Die Linien und Strukturen von Architektur, auch das Abstrakte daran, haben mich offensichtlich schon damals interessiert. Belichtet mit einer Canon EOS 3 auf Ektachrome.

2014, vor 10 Jahren, habe ich kein analoges Foto belichtet. Nachdem ich 2003 in der Schweiz erstmals beruflich digital fotografiert hatte (mit Nikon) und 2007 nach meiner Rückkehr nach Deutschland meine erste eigene Digitalkamera (Canon EOS 5D) kaufte, habe ich von 2008 bis Anfang 2015 ausschließlich digital fotografiert. Ich finde, zu diesem Vintage-Beitrag passt ein Digitalfoto nicht besonders gut – und lasse den Jahrgang 2014 deshalb bewußt aus. Mein Plan ist, in einer Vintage-Salami-Taktik weitere Scheibchen von früheren Filmen aufzuschneiden und im kommenden Jahr Fotos aus den Jahren 1985, 1995, 2005 und 2015 zu zeigen. Ich bin schon jetzt gespannt, was mein Archiv hergibt 😉

