Der Wunsch nach hochwertigen und bezahlbaren Kameras für den ambitionierten Fotoamateur ist vermutlich so alt wie die Fotografie selbst. Spätestens mit der Kodak Brownie oder der Agfa Box wurde die Fotografie demokratisiert – Kameras, die dem Novizen keine Barrieren in den Weg zu Erinnerungsbildern stellten. In den 60ern begann dann eine fototechnische Aufrüstung seinesgleichen. Alle namhaften japanischen Hersteller brachten ziemlich tolle Rangefinder-Kameras auf den Markt. Die traditionsreiche deutsche Kameraindustrie geriet in die Defensive, noch mehr, als dann die kleinen elektronischen Spiegelreflexkameras von Olympus, Nikon und nicht zuletzt Canon den Markt fluteten. Ein kurzes Aufbäumen konnte man in den frühen 70ern bei Leitz beobachten, die mit der Leica CL eine günstigere M-Mount-Kamera konstruierten (und bei Minolta fertigen ließen), um die Stellung zu verteidigen. Genau diese Kamera habe ich aktuell im Visier, aber dazu später mehr …

Vor einigen Jahren habe ich mir eine Canonet QL19 GIII gekauft, damals war der Gebrauchtkameramarkt noch unaufgeregt und ich konnte die Kamera für rund 30,- € erwerben. Sie hat mich auf etliche Reisen begleitet und ich habe schöne Aufnahmen aus Rom, den Dolomiten oder Kopenhagen mitgebracht. Leider bemerkte ich irgendwann, dass die Canonet feine Kratzer auf meinen Filmen hinterließ – blöd zu retouchieren. Mit einigem Aufwand reinigte ich die Kamera innen und außen. Mit halbem Erfolg. So ganz zuverlässig ist das Problem nicht behoben. Trotz allem gefällt mir die Kamera sehr. Sie liegt sehr gut in der Hand, die Größe finde ich ideal. Das Objektiv bildet scharf und kontrastreich ab. Die Brennweite von 45mm kommt mir persönlich sehr entgegen. Der Sucher ist ein Traum: Groß, hell und exzellent ablesbar. Ein automatischer Parallaxenausgleich ist ebenfalls vorhanden. Die QL19 arbeitet entweder als Blendenautomat (und das sehr zuverlässig), oder komplett manuell. Dabei halte ich die stufenlose Blendenverstellung für einen großen Vorteil.
Der Frust über den nicht ganz gleichmäßigen Filmtransport und die immer mal wieder auftauchenden Kratzer brachte mich dann Anfang des Jahres auf den Gedanken, mir eine Alternative zu besorgen. Es sollte wieder eine kleine, analoge Reisekamera sein. Meine Gedanken zur Wahl der „richtigen“ Kamera habe ich in einem Artikel zusammengefasst, der auch viele andere Modelle beschreibt. Mit der Minolta Hi-Matic 7S ii habe ich nun schon einige Enttäuschungen hinter mir: Nach der ersten Reinigung und Justage des Belichtungsmessers stellte ich unlängst bei einem weiteren Testfilm fest, dass der Belichtungsmesser nach wie vor sehr unpräzise arbeitet. Ich habe nochmals versucht, ihn zu kalibrieren, bin dabei aber an die Grenzen des Verstellwegs am Potentiometer geraten. Noch habe ich mich nicht getraut, die Blendenautomatik wieder zu benutzen … Überhaupt konnte ich mich noch nicht mit dieser Kamera anfreunden. Einerseits habe ich mir zwischenzeitlich als Reisekamera die wunderbare Fuji GS645 Pro gekauft, mit der ich sehr glücklich bin (eine 4,5×6 Mittelformatkamera im Klappdesign). Andererseits ist mir die Minolta fast zu klein. Ich kann sie nicht gut halten. Der Sucher ist schäbig: Klein, nicht gut einsehbar und ohne Parallaxenausgleich. Im Vergleich mit der Canonet muss ich allerdings sagen, dass das feine 1,7/40mm Objektiv nach meinem Eindruck eine Spur schärfer abbildet.
Um dies und das zu probieren, hatte ich einen FP4 in die Hi-Matic eingelegt und zur Hälfte belichtet. Dabei nutzte ich die App Lightme auf meinem iPhone zur Belichtungsmessung. Es ergab sich, dass ich einige Motive am Reitstall machen konnte. Den Film spulte ich bei Aufnahme 16 zurück und legte ihn in die Canonet ein. Beim Vorspulen war ich allerdings zu sparsam – ich hätte noch 1 oder 2 Frames weiter spulen müssen, um die resultierenden Doppelbelichtungen zu verhindern 😉 Deshalb habe ich nur 1 von 3 Motiven, die ich innerhalb von Minuten mit beiden Kameras auf demselben Film gemacht habe, auswerten können.



Beide kleinen Rangefinder haben also ihre Vor- und Nachteile. Und ich stehe vor der Frage, ob ich mich damit arrangieren möchte oder ob eine andere Kamera die Vorteile vereinen würde? Natürlich spielt das „Gear-Aquisition-Syndrom“ dabei keine unerhebliche Rolle 🙂 Meine Überlegung geht in folgende Richtung: Entweder bleibe ich bei Canon und suche eine Canonet QL17 GIII, die angeblich das hochwertigere Objektiv haben soll. Die von der QL19 bekannten Vorzüge der angenehmen Größe und des tollen Suchers würde ich hier in Kombination mit einem (hoffentlich) besseren Objektiv erhalten. Allerdings ist die Kamera für ihr Alter und die damalige Produktionsmenge überteuert. Eine Variante wäre auch die Olympus 35 SP, der ebenfalls exzellente Abbildungsleistungen nachgesagt werden. Die Kamera hat allerdings auch keinen automatischen Parallaxenausgleich und es stört mich, dass der Belichtungsmesser neben dem Sucher sitzt – so werden Filterfaktoren nicht automatisch berücksichtigt. Einen sehr deutlichen Preissprung würde es bedeuten, nach der Leica CL zu suchen. Diese Kamera bietet zunächst nicht mehr Komfort als die vorgenannten, trägt aber das Versprechen von ausgezeichneter Leica-Qualität mit sich. Und böte im Falle eines Falles die Möglichkeit, den Objektivpark um (teure) tolle M-Mount-Objektive zu vergrößern …
Canonet QL19 Giii
- perfekte Größe
- Genialer Sucher
- tolles Handling
- stufenlose Blendenverstellung
- Objektiv etwas weniger scharf als das von Minolta
- Probleme mit Kratzern auf dem Film und ungleichmäßigem Filmtransport (bei meinem Modell)
Minolta Hi-Matic 7S ii
- Tolles Objektiv
- sehr kompakte Bauform
- fummeliges Handling
- keine halben Blenden oder Zeiten einstellbar
- Sucher ist klein und schlecht einzusehen
- Verlässlichkeit des Belichtungsmessers nicht gegeben (bei meinem Modell)
Leica CL
- Ähnliche Größe wie die beiden anderen Kameras
- Laut Berichten guter, heller Sucher
- Summicron-S 2,0/40 soll laut Tests sehr gut sein
- Objektivwechsel möglich
- ziemlich teuer
- evt. Overkill, wenn man nur 1 Standardobjektiv verwenden will
Wenn jemand meiner Leser mir bei der Entscheidungsfindung helfen mag (durch eigene Erfahrung, Tips, Bedenken oder Angebote), würde ich mich sehr freuen!






Fun Fact am Rande: Ich hatte in der Belichtungsmesser-App versehentlich den ISO-Wert nicht von 400 auf 125 angepasst – das fiel mir erst nach den ersten Aufnahmen ein. Folglich musste ich den FP4 um 2 Blenden pushen. Dank Caffenol CM ist das auch kein Problem. Man mischt Kaffee, Vitamine und Soda einfach in leicht anderem Verhältnis und verlängert die Entwicklungszeit geringfügig – Voila! Im direkten Vergleich mit einem Foto auf HP5 würde ich sogar behaupten, das Korn ist weniger ausgeprägt und harmonischer. Schön, dass man mit diesen wunderbaren Filmen jede erdenkliche Lichtsituation abdecken kann! Ich bin aber auch ein großer Fan der Klassiker von Ilford!


