Warum ich als „eingefleischter“ Vegetarier ausgerechnet auf einen solchen Titel komme, muss ich vielleicht kurz erklären: Die Salami-Taktik dürfte allseits bekannt sein von allen größeren und kleineren Skandalen, bei denen jeweils die Wahrheit nur in hauchdünnen Scheibchen ans Licht kommt. Auch ich schneide jährlich ein Scheibchen Wahres auf – nämlich Fotos aus verschiedenen Jahrgängen (Vintage). Mittlerweile reicht mein Archiv über 4 Jahrzehnte zurück und wie auch in den letzten Jahren hole ich mal die „alten Schinken“ hervor, um zu sehen, was ich damals vor der Linse hatte. Da mich während dieser gesamten Zeit die Analogfotografie am längsten und liebsten begleitet, beschränke ich meine Bildauswahl auf solche Motive, die traditionell auf Filmmaterial entstanden sind.

In diesem Jahr kann ich eine kleine persönliche Ergänzung vornehmen, da ich vor 50 Jahren eines meiner ersten Fotos gemacht habe. Die Aufnahme von meinen Eltern und meiner Großmutter ist rückseitig datiert auf Ostern 1976. Da war ich 3 Jahre alt und konnte offensichtlich bereits eine Kamera halten.
Das Jahr 1986 ist mir vor allem wegen zwei Katastrophen in Erinnerung – Tschernobyl und Challenger. Das Space-Shuttle der NASA explodiert kurz nach dem Start in den Weltraum und läutet das Ende dieser Generation von Raumschiffen ein. Im April kommt es in dem sowjetischen Atomkraftwerk zum GAU und Europa erstarrt in der Angst vor radioaktiven Wolken. In diese Zeit passt auch das düstere Album „Black Celebration“ von Depeche Mode, das in diesem Jahr erscheint. Es gibt aber auch erbaulichere Ereignisse: Der erst 1985 ins Amt gekommene Sovjet-Chef Gorbatschow spricht von Glasnost und Perestroika und schlägt dem Westen den Abbau sämtlicher Atomwaffen vor. Von diesem Vorbild könnte sich Bloodimir Putin auch mal ein Scheibchen abschneiden. Spanien und Portugal werden Teil der Europäischen Gemeinschaft. Und ich mache mit meiner Familie Urlaub im Norden von England: In York, im Lake District und in der Nähe von Manchester. Von dort habe ich einige Dias im Archiv gefunden.

Ein Jahrzehnt später, 1996, ist in meinem Leben viel passiert: Nach dem Abitur und dem Zivildienst habe ich ein paar Semester Politikwissenschaft und Sozialpsychologie studiert, mich dann aber dafür entschieden, die Fotografie zu meinem Beruf zu machen. Im Frühjahr schaue ich mir einige Fotostudios in Hannover an und entscheide mich schließlich, eine Stelle bei Michel Eram in Langenhagen anzutreten. Während in Lübeck das Asylbewerberheim brennt, der Reemtsma-Erbe entführt wird, 350.000 Menschen in Bonn gegen Helmut Kohl demonstrieren, Clinton und Jelzin wiedergewählt werden und der Computer Deep Blue zum ersten mal einen Menschen im Schach besiegt, beginne ich damit, täglich Portraits und Hochzeiten zu fotografieren. Motivisch ist das für mich ein markanter Unterschied zu den Aufnahmen, die ich vorher fotografiert habe.

2006, wiederum 10 Jahr später, sind die Veränderungen nicht geringer: Ich lebe seit etwa 3 Jahren in der Schweiz und arbeite für die AO Foundation, ein internationales Ärztenetzwerk. Für dieses Unternehmen fotografiere ich Fortbildungsveranstaltungen, Kongresse und mache Aufnahmen von Operationen, bei denen die von der AO erforschten Techniken angewendet werden. In diesem Jahr gibt Fidel Castro die Herrschaft über Kuba an seinen Bruder Raul ab, Saddam Hussein wird zum Tode verurteilt, der neue Hauptbahnhof in Berlin wird eingeweiht und je nach Land wird 2006 als „Mozartjahr“, „Ibsenjahr“ oder „Aspergerjahr“ gefeiert. Im schweizerischen Institut hat sich die Digitalfotografie soweit durchgesetzt, dass wir die alten analogen Kameras und Objektive verkaufen – nachdem ich in den Jahren zuvor viele meiner altgedienten Kameras selber ebenfalls verkauft hatte, kann ich nicht widerstehen und übernehme aus dem Vorbesitz der AO eine Canon New F1 mitsamt AE Motor Drive FN. Mit dieser Kamera und dem FD 3,5/35-105mm Zoom fotografiere ich in diesem Jahr in Teneriffa und Rom.

2016 ist geprägt von weltweiten Terroranschlägen, dem Bürgerkrieg in Syrien, dem Brexit-Referendum – das zum Austritt Englands aus der EU führte, und der ersten Wahl von Donald Dumb zum Präsidenten der USA – was zum derzeitigen Austritt der USA aus der demokratischen Welt führt. Es wird aber auch der Gotthard-Basistunnel eröffnet, in der Türkei scheitert ein (angeblicher) Putschversuch des Militärs und in Zürich feiert man 100 Jahre Dadaismus. Fümms bö wö tää zää Uu! Mich haben die zurückliegenden Jahre aus der Schweiz über Stationen in Hannover und Essen schließlich nach Bergisch Gladbach geführt, wo für meine Familie und mich ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Noch habe ich wenig Zeit und Muße für freie Projekte, aber immerhin im Urlaub auf Mallorca fotografiere ich analog und schwarzweiß. Wieder mit meiner Canon-Ausrüstung, die über die Jahre gewachsen ist. Zunehmend sind es die abstrakten Motive, die mir am besten gefallen.

Wenn etwas mehr als zweimal passiert, ist es Tradition, sagt man im Rheinland. Und so dürfte auch meine fotografische Salami-Taktik jetzt Tradition sein. Ich freue mich schon auf die Wiederentdeckungen der kommenden Jahre. Und erstmals gibt es 2026 meinen Rückblick auch als Video:


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