Till Erdmenger – Businessfotos | Blog

Ausstellung: Wettstreit mit der Wirklichkeit

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Realität und Realismus geraten wiederholt in Krisenzustände, in eine Spannung zwischen Abwehr und Aneignung – ob es nun um Malerei, Fotografie oder Künstliche Intelligenz geht.

Mit dem Aufkommen der Fotografie in der Mitte des 19. Jahrhunderts fühlten sich viele Maler in ihrem traditionellen Aufgabenfeld – der möglichst naturgetreuen Darstellung – massiv bedrängt. Zeitgenössische Stimmen verspotteten die Fotografie als „zu oberflächlich“ – dahinter stand die Angst, das neue Medium könne das Feld der Wirklichkeitsabbildung übernehmen. In der Folge verschoben sich die Prioritäten der Malerei: Impressionismus, Expressionismus und später die Stile der abstrakten Malerei definierten künstlerische Qualität immer stärker über die subjektive Wahrnehmung oder Idee und nicht über die chirurgische Genauigkeit.

Der amerikanische Fotorealismus der 1960er Jahre setzt knapp 100 Jahre später genau an diesem Spannungsverhältnis an. Künstler wie Richard Estes, Ralph Goings oder Audrey Flack kehren nach den verschiedenen Spielarten der Abstrakten Malerei demonstrativ zur Gegenständlichkeit zurück – nicht nostalgisch, sondern programmatisch: Sie wollen zeigen, dass Malerei mit der Fotografie nicht nur mithalten, sondern deren Sehen reflektieren kann. Charakteristisch ist, dass nicht die sichtbare Welt direkt, sondern fotografische Vorlagen, Projektionen oder Dias akribisch übertragen werden; die Bilder „referieren“ damit das bereits reproduzierte Bild. Die oft banalen Sujets – Tankstellen, Straßenszenen, Supermarktregale, glänzende Chromstoßstangen – knüpfen an die Bildwelt der Pop Art an: Die Spannung liegt nicht im Motiv, sondern in der verblüffenden, technisch kühlen Illusion, die die Mechanik des fotografischen Blicks sichtbar macht.

Die Malerei imitiert dabei nicht einfach Fotografie, sie überbietet sie in gewisser Weise, indem sie die Unschärfen, Spiegelungen und optischen Fehler des fotografischen Apparats bewusst kontrolliert und noch steigert. Während die Fototechnik der 1960er Jahre im Vergleich zu heute deutliche Grenzen bei Auflösung und Dynamikumfang hatte, konnten hyperrealistische Gemälde scheinbar grenzenlose Detailfülle und makellose Oberflächen erzeugen – ein „Mehr“ an Realismus, den die normale Kameratechnik der Zeit nicht unbedingt bieten konnte.

Die Ausstellung „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ im Museum Frieder Burda greift diese Geschichte sehr bewusst als Leitmotiv auf. Über etwa 90 Werke von den 1960er Jahren bis heute – darunter Positionen von Estes, Goings, Flack, Gerhard Richter, Karin Kneffel oder Raphaella Spence – wird der Fotorealismus als langfristige künstlerische Antwort auf die Omnipräsenz fotografischer Bilder inszeniert.

Spannend und zeitgemäß ist diese Ausstellung, weil wir uns momentan am Beginn einer weiteren Spannungs-Phase des Realismus befinden. Die „neue Art von Fotorealismus“ durch KI-Bilder fügt sich kunsthistorisch in diesen Verlauf ein: Nach der Bedrohung der Malerei durch die Fotografie und der malerischen Antwort der 1960er tritt nun ein synthetisches Bildmedium auf den Plan, das Realismus nicht mehr auf optische, sondern auf statistische Weise erzeugt. KI-Bilder simulieren fotografische Wirklichkeit, ohne einen realen Gegenstand oder ein tatsächliches Ereignis abbilden zu müssen – sie sind letztlich fotorealistische Fiktionen.

Sicherlich bleibt hier die weitere Entwicklung abzuwarten, man kann aber bereits heute vermuten, dass sich damit auch die Motivation verschiebt: Während der historische Fotorealismus ein dezidiert künstlerisches Programm verfolgt, entstehen viele KI-Bilder aus Bequemlichkeit oder mit instrumenteller Absicht – etwa als Propaganda, zur emotionalen Aufladung politischer Narrative oder zur Optimierung von Aufmerksamkeit in sozialen Medien. In diesen Kontexten dient der Realismus weniger der Reflexion von Wirklichkeit als mehr ihrer Simulation und strategischen Steuerung, was die Frage nach Authentizität, Urheberschaft und Verantwortung zuspitzt.

KI unterwandert insofern (selbst im künstlerischen Gebrauch) die Glaubwürdigkeit des realistischen Bildes insgesamt – mit der Konsequenz, dass künftige Kunst sich weniger an der Perfektion der Oberfläche messen lassen wird als an Transparenz, Kontext und kritischer Reflexion des Mediums. Flüchten wir uns doch zunächst in die bunte und manchmal etwas nostalgisch wirkende Bildwelt des Fotorealismus:

Seit der Antike gehört die detailgetreue Wiedergabe der Realität zu den zentralen Anliegen der Malerei. Kaum eine Kunstrichtung hat den Anspruch auf Wirklichkeitsnähe so radikal ins Zentrum ihres ­ Schaffens gerückt wie der amerikanische Fotorealismus. Mit der Ausstellung Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus widmet sich das Museum Frieder Burda einer der konsequentesten Bewegungen der gegenständlichen Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Stilrichtung, die sich ab Mitte der 1960er Jahre in den USA herausbildete, steht für eine Kunst, die den fotografischen Blick auf die Welt zum Ausgangspunkt nimmt – und diesen mit malerischen Mitteln auf illusionistische Weise reproduziert.

Als Reaktion auf den Abstrakten Expressionismus wandten sich Künstlerinnen und Künstler wie Robert Bechtle, Richard Estes, Ralph Goings und Audrey Flack ab Mitte der 1960er Jahre erneut der gegenständlichen Malerei zu. Ausgangspunkt ihrer Werke waren Fotografien, Werbebroschüren oder andere gefundene Vorlagen, die sie mithilfe von Projektionen oder Rasterstrukturen detailgenau auf die Leinwand übertrugen. Sie strebten nach glatten Oberflächen, die ohne sichtbare Handschrift an den Glanz fotografischer Abzüge erinnern. Motive fanden sie vor allem in der amerikanischen Konsum- und Alltagskultur: ­ sonnenbeschienene Straßenzüge, glänzende Autos, Diner-Interieurs oder farbintensive Leuchtreklamen.

    War der frühe Fotorealismus zunächst ein US-amerikanisches Phäno­men, so fand die Bewegung in der zweiten und dritten Generation inter­nationale Ausbreitung und ist auch heute noch im globalen Kontext präsent. In Europa wurde sie bereits in den 1970er-Jahren intensiv rezi­piert. Auf der documenta 5 in Kassel, die 1972 unter dem Titel Befragung der Realität – Bildwelten heute stattfand, wurde der Foto­realismus institutionell anerkannt. Es folgten große Ausstellungen in London, Kopenhagen und Paris, durch die sich die neue Kunstströmung auch außerhalb der USA früh etablierte. Wettstreit mit der Wirklichkeit ist eine der bisher größten Aus­ stellungen zu den Bildwelten des Fotorealismus in einem Museum in Deutschland.

    Werke aus der Sammlung ­ Frieder Burda treten in einen ­ Dialog mit über 80 Arbeiten von mehr als 30 Künstlerinnen und Künstlern aus sechs Jahrzehnten – darunter Leihgaben aus dem Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid und dem Whitney Museum of American Art in New York. Auch international renommierte Gegenwartskünstlerinnen und -künstler sind vertreten, die den Fotorealismus unter heutigen Vorzeichen weiterentwickeln – darunter Alexandra Averbach, Roberto Bernardi, François Chartier, Ben Johnson, Karin Kneffel und Raphaella Spence. Die Ausstellung bietet einen facettenreichen Überblick über die gesamte Entwicklung des Fotorealismus – von seinen Anfängen in den 1960er-Jahren bis zur zeitgenössischen künstlerischen Praxis.

    Wettstreit mit der Wirklichkeit
    60 JAHRE FOTOREALISMUS
    28.02. — 2.08.2026

    MUSEUM FRIEDER BURDA
    Lichtentaler Allee 8 b
    76530 Baden-Baden

    [Pressemeldung]

    Beitrags-Titelbild: Robert Bechtle, ʼ62 Chevy, 1970, Öl auf Leinwand, 114, 3 x 132,1 cm Waddington Custot, London Paris Dubai © Robert Bechtle and Whitney Chadwick Trust, Courtesy of the Robert Bechtle and Whitney Chadwick Trust, 2026, Foto: Waddington Custot

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