Als ich den aktuellen ZEIT-Artikel „Bildkultur durch KI: Die neue Macht der Bilder“ aufschlug, hatte ich das Gefühl, meinen eigenen Blog zu lesen. Christoph Künn und die Wahrhaftigkeit als Antwort auf die visuelle Inflation? Darüber habe ich doch im März geschrieben?! Der Liar’s Dividend – also dass echte Bilder angezweifelt werden, während Fakes für echt gehalten werden? Auch. KI-generierte Auschwitz-Bilder als besonders abgründiges Beispiel für das Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitswirtschaft? Ebenfalls, in Text und Video.
Es geht mir natürlich nicht um Selbst-Beweihräucherung. Es zeigt vielmehr, dass das Thema mittlerweile so dringend geworden ist, dass es vom kleinen Fotoblog bis in die Wochenzeitung hinübergeschwappt ist.
Mir ist bewußt, dass der ZEIT-Artikel hinter einer Paywall steckt. Wen die Inhalte interessieren, kann stattdessen getrost auf meinem Blog die aktuellen Beiträge lesen. Aber der ZEIT-Artikel bringt auch weitere Argumente, die meine bisherigen Texte beinhalten – und die ich für sehr wertvoll halte.
Das Rauschen als Zensur. Der Rechtswissenschaftler Tim Wu nennt es „censorship by noise“: Das kritische Bild wird nicht verboten. Es geht einfach unter. In einer Diktatur war das gefährliche Foto illegal. In der Social-Media-Welt ist es erlaubt – aber wer sieht es noch, wenn es zwischen tausend KI-generierten Katzenvideos und Empörungsschleifen verschwindet? Das ist eine Erkenntnis, die ich bisher nicht so klar formuliert hatte. Und sie trifft.
Cheapfakes schlagen Deepfakes. Eine aktuelle Studie des Wissenschaftsnetzwerks Science Feedback kommt zu einem verblüffenden Ergebnis: Etwa ein Viertel aller Falschinformationen in Europa ist KI-generiert – aber die allermeisten davon sind keine aufwendigen Deepfakes. Es sind sogenannte Cheapfakes: echte Videos, falsch datiert. Echte Fotos, falsch kontextualisiert. Ein paar Sekunden früher abgeschnitten, schon ändert sich die Geschichte komplett. Die größte Gefahr kommt also nicht von der perfekten Fälschung, sondern von der billigsten. Das sollte man sich merken – und zwar genau dann, wenn man glaubt, man würde einen Deepfake schon erkennen.
Wir können Bilder nicht lesen. Der Artikel beschreibt einen wichtigen Punkt: In der Schule lernen wir, Texte zu lesen. Argumente zu erkennen. Rhetorische Strategien zu durchschauen. Aber visuelle Kompetenz? Fehlanzeige. Gegenüber dem Bild sind wir, so formuliert es der Artikel, Analphabeten geblieben. Finnland hat das seit 2012 anders geregelt – Medienbildung ist dort fächerübergreifend im Lehrplan verankert, und die Finnen gelten als besonders widerstandsfähig gegen Desinformation. Wir nicht so.
Der strukturelle Nachteil der Demokratie. Das ist vielleicht der klügste Gedanke des ganzen Artikels, formuliert von der Kunsthistorikerin Charlotte Klonk: Autoritäre Herrschaft lässt sich wunderbar bebildern. Erhobene Faust. Unterschriebenes Dekret. Daumen hoch. Volkssouveränität dagegen ist ein kommunikatives Verfahren, ein kleinteiliger Prozess der Machtbalance – und der lässt sich kaum in ein einziges starkes Bild verdichten. Das erklärt einiges. Und es ist keine technische, sondern eine politische Herausforderung.
Was die ZEIT – trotz aller Qualität – auslässt: Die Gegenbewegung, die bereits läuft. Der Hunger nach dem Echten, der sich in steigendem Absatz von Analogfilmen, vollen Dunkelkammerkursen und dem Wiedererstarken des dokumentarischen Fotografierens zeigt. Darüber schreibe ich hier regelmäßig. Die ZEIT darf das gern als nächstes aufgreifen.
Mein Beitrag bezieht sich auf den Artikel Die neue Macht der Bilder, erschienen in der ZEIT am 5.04.2026. Ich habe die Übereinstimmungen und Unterschiede zu meinen eigenen Beiträgen mithilfe einer KI herausgearbeitet. Ebenso ist das Titelbild mit KI entstanden, um den Inhalt satirisch zu überhöhen – der Messiaslook bezieht sich natürlich auf die jüngsten Fake-Bilder von Trump, der sich als Jesus inszeniert hat.


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