Till Erdmenger – Businessfotos | Blog

Doppel-Wumms in Berlin: Anton Corbijn & Bruce Gilden

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Berlin und der Doppel-Wumms gehören seit dem ollen Olaf zusammen 😉 Dieser hier hat es auf künstlerische Weise in sich: Fotografiska Berlin zeigt seit Anfang des Monats Anton Corbijn und Bruce Gilden, jeweils in großem Format. In einem Haus, das so viel Licht auf Fotografie wirft wie auf sich selbst. Fotografiska hat sich längst als internationale Marke etabliert, weniger als „Sammlungsmuseum“, mehr als Ausstellungs‑Betrieb mit Restaurant, Bar und Shop – ein Konzept, das einige bejubeln und andere vermutlich mit einem leicht mürrischen Blick beobachten.

A. Cobain, Strijen, Holland, 2001 © Anton Corbijn

Anton Corbijn kenne ich seit den späten 80er Jahren, als seine markanten, im Lith-Verfahren vergrößerten Schwarzweißfotos von U2 oder Depeche Mode auf den Covern der LPs und Magazine erschienen. Der mittlerweile 70-jährige Corbijn blickt er auf ein umfassendes Werk zurück. Dieses ist in über fünf Jahrzehnten entstanden und reicht von Fotografien über Musikvideos bis zu Spielfilmen. Vom 9. Mai bis 20. September 2026 zeigt Fotografiska Berlin rund 150 Arbeiten von Anton Corbijn, chronologisch, emotional und ikonografisch schwer beladen. Dazu zählen Bilder von Depeche Mode, Patti Smith, David Bowie, U2, Rolling Stones, Martin Scorsese, Nina Hagen, Herbert Grönemeyer, Einstürzende Neubauten oder Wim Wenders – also eine ganze Generation kultureller Identitäten, die wir über die Jahrzehnte in Corbijns Bildsprache kennen gelernt haben. Die Ausstellung versteht sich ausdrücklich nicht nur als klassische Retrospektive, sondern als persönliche Auswahl des Künstlers – eine recht geschickte Verschiebung des Fokus weg von „historische Aufarbeitung“ hin zu „Ich‑Erzählung“.

Donna, Las Vegas, Nevada, USA, 2015 © Bruce Gilden

Parallel läuft die Gilden‑Schau „Why These?“ mit exakt 41 Arbeiten, fotografisch radikal, oft entblößend und mit der typischen, fast gewalttätigen Nähe, die Gilden seit den 1970er Jahren in New York, später in Tokio und Haiti perfektioniert hat. Die Besucherinnen werden an die Grenze von Scham, Neugier und Abwehr geführt – die Frage lautet im Titel selbst „Warum diese Menschen?“ und die Antwort bleibt nicht selten unbequem. Bruce Gildens Fotos schmeicheln nicht. Sie konfrontieren. Sein Blitzlicht fängt Blicke ein. Gesichter, die wir nicht mehr vergessen. Außenseiter und Übersehene, die er nicht nur fotografiert, sondern in ihrer Menschlichkeit sieht. Der Name der Ausstellung Why These? fragt nicht nur nach dem Werk des Fotografens. Er ist auch als Frage an uns gestellt. Warum sind uns diese Bilder unangenehm? Warum versuchen wir den Blicken auszuweichen und können trotzdem nicht wegschauen?

Why These? zeigt 41 Fotografien, die Bruce Gilden selbst ausgewählt hat. Ikonische Aufnahmen aus Coney Island, Haiti, New York und Tokyo nehmen mit auf eine fotografische Reise durch die wichtigsten Projekte seiner ersten Schaffensphase. Weitere großformatige Drucke zeigen seinen radikalen Wechsel zu digitaler Farbfotografie ab 2013; eine Entscheidung, die seinen kompromisslosen Stil um eine zeitgenössische Facette ergänzt.

Fotografiska: Ein Konzept, das auch kritisiert wird

In dem Kommentar „Nachtwey, Gilden, Corbijn und der Rest schaut zu“ beleuchtet das Foto-Magazin Profifoto nicht die Qualität der Bilder, sondern das Modell des Museums: Fotografiska als privat‑kommerzielles, wandelbares „Kunst‑ und Event‑Museum“, das mit Namen wie Gilden und Corbijn Publikum fängt, aber keine klassische Sammlung oder Forschung betreibt. Der Kern der Kritik:

  • kein eigener Sammlungs‑ und Forschungsauftrag,
  • starker Event‑Charakter (Restaurant, Bar, Shop),
  • ein Vertrags‑ und Programm‑Rahmen, der eher auf „große Namen“ und „Verkaufbarkeit“ ausgerichtet wirkt als auf experimentelle oder kritische Positionen.

Man kann den Ton grob so zusammenfassen: Fotografiska wirkt wie ein Kunst‑Konzern, der sich mit Fotografie‑Promis schmückt, während die eigentliche, eher mühsame Museumspflicht – Sammeln, Deuten, Forschen – sauber ausgelagert bleibt.

Gegenargumente

Andere Medien sehen das Konzept mit etwas anderer Gewichtung:

  • FAZ, Freitag, Berliner Zeitung stellen Fotografiska als neues, privates Modell in den Raum: kein klassisches Kunstmuseum, sondern ein „Kultur‑ und Event‑Haus“, das Fotografie in einem historischen, prominenten Gebäude präsentiert und damit neue Besucherfähigkeiten mobilisiert.
    Gegenargument: Die fehlende Sammlung ist nicht automatisch ein Fehler, sondern eine Konsequenz aus der Entscheidung, auf kurz‑ bis mittelfristige Ausstellungen und internationale Kooperationen zu setzen – finanziell und institutionell oft der einzige Weg, um große Fotograf:innen‑Retrospektiven in Berlin zu realisieren.
  • VisitBerlin, Hypebeast, Pop‑Magazine beschreiben Fotografiska vor allem als plattformartigen Anlaufpunkt, der Fotografie mit Pop‑Kultur, Musik und „Lifestyle“ verknüpft.
    Gegenargument: Die Kritik an der Kommerzialisierung trifft auf, aber genau dieses Modell lockt Menschen an, die sonst selten in Fotogalerien gehen – von der U‑Bahn direkt ins Museum, dann noch ein Drink, ein Shot über Social Media: das ist kein „Reinheitsgebot der Kunst“, aber ein sehr wirksamer Kanal für Sichtbarkeit von Fotografie.
  • Fach‑ wie Kulturmedien einigen sich im Kern darauf, dass die Ausstellungen selbst – egal ob Corbijn oder Gilden – formell und inhaltlich in der Regel hochwertig sind, auch wenn man den institutionellen Rahmen nicht uneingeschränkt feiert.
    Gegenargument: Man kann also Corbijn und Gilden für ihre Qualität würdigen und Fotografiska gleichzeitig als Marktplatz für Fotografie kritisch beobachten – ohne die eine Sphäre über die andere zu stellen.

Hingehen oder nicht?

Fotografiska Berlin macht keine Hehl daraus: Hier geht es nicht um Stille in abgedunkelten Galerieräumen, sondern um Fotografie, die gehört, gesehen und geteilt wird. Ob man das gut findet oder nicht, überlassen ich Ihnen: Steht für Sie mehr das Museum oder die Event‑Location im Vordergrund?

Die Ausstellungen von Anton Corbijn und Bruce Gilden sind unabhängig von Ihrer Einschätzung des Ausrichters ganz klar zwei der spannendsten Fotografie‑Events in Berlin dieses Jahres: Bekannte Namen, große Bilder, starke Emotionen. Vielleicht ist es ja genau diese Dynamik, die Fotografie heutzutage noch oder wieder ins Zentrum der Stadt bringt. Ich muss unbedingt mal wieder nach Berlin 😉

Links zu diesem Beitrag: Fotografiska Berlin, Kommentar auf ProfiFoto.

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