Till Erdmenger – Businessfotos | Blog

Ohne Mehrwert: Ansel Adams in Farbe

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Das Kolorieren von (alten) Schwarzweißfotos ist ein Hobby fürs Familienalbum. Während in vergangenen Jahrzehnten Profis mit winzigen Pinseln und Eiweißfarbe Negative retuschierten oder Abzüge kolorierten gab es in späteren Photoshop-Zeiten ausgedehnte Tutorials über das Kolorieren von Fotos. Inzwischen nutzt man billige Apps oder irgendeinen KI-Chat-Kumpel – und schwuppdiwupp sind die körnigen, verkratzten Schwarzweißbilder von Uroma und Uropa wieder wie neu. Das ist ein großer Spaß und sei jedem gegönnt – verstehen Sie mich nicht falsch.

Ein paar mehr Gedanken sollte man sich aber machen, wenn eine renommierte Galerie eine KI-kolorierte Version eines ikonischen Fotos eines mehr als renommierten Künstlers zum Verkauf anbietet.

Die Danziger Gallery wurde 1989 vom Fotoreporter James Danziger gegründet und hat sich einen Namen gemacht für die Ausstellung vielfältiger und origineller fotografischer Arbeiten, von Vintagedrucken bis zur zeitgenössischen Fotografie. Sie vertritt etablierte Fotograf*innen und verwaltet die Nachlässe einiger Fotografen. In der Vergangenheit hatte der Galleriegründer selbst erklärt, er halte das Kolorieren von Fotos für „seltsam und respektlos“.

Das hielt die Galerie nicht davon ab, vor einigen Wochen bei einer großen Fotografie-Show einen großformatigen Druck zu zeigen (und zum Kauf anzubieten), der eine Farbvariante von Ansel Adams „Moonrise over Hernandez“ von 1941 zeigt. Das Foto hat wahrscheinlich jeder, der meinen Blog liest, schon einmal gesehen haben. Und Mr Adams muß ich wohl kaum weiter vorstellen, er ist ein Inbegriff der schwarzweißen Fotokunst und gilt mit seinem Zonen-System darüber hinaus als profunder Theoretiker und penibler Handwerker. Daß Ansel Adams in Schwarzweiß arbeitete, war eine bewußte und persönliche Entscheidung – seit den späten 1930er Jahren waren Farbfilme erhältlich. Er empfand die Farbfotografie als „banalen Realismus“.

Es lässt sich mit hoher Sicherheit vermuten, daß die Verwendung des Fotos – im übrigen ohne Zustimmung des Ansel Adams Trusts – Urheberrechte verletzt. Es lässt sich darüber hinaus mit hoher Wahrscheinlichkeit festhalten, daß die Verwendung des Fotos moralische Fragen aufwirft: Darf man das Werk einfach so verändern? Auch hier spielt nochmals das Urheberrecht eine Rolle: Es sieht ja auch die Integrität eines Werks vor. Adams hat absichtlich in Schwarzweiß fotografiert. Die Farbe widerspricht seiner künstlerischen Intention.

Darüber hinaus hat die Geschichte eine monetäre Seite: Der Druck wurde von der Galerie für 10.000,- $ angeboten und man darf sich fragen, ob so ein bißchen prompten eine derart wertvolle künstlerische Leistung darstellt? Es ist anzunehmen, daß der „Wert“ viel eher dem Namen des eigentlichen Künstlers, Adams, zu verdanken ist. Danziger hat Adams‘ Markenkapital — den Namen, die Ikonik, die Assoziation — genutzt, um einem KI-Prompt Marktwert zu verleihen. Die 10.000 Dollar wurden nicht für die KI-Arbeit bezahlt, sondern für die Aneignung von Adams‘ Ruf.

Die entscheidende Frage: Ist Kolorieren eine künstlerische Leistung?

Was hat Danziger tatsächlich getan?
Das Bild wurde aus dem Prompt „Make a realistic color version of Ansel Adams‘ iconic ‚Moonrise Over Hernandez’“ generiert, dann bis zum endgültigen Zustand korrekturgelesen, neu generiert und in Photoshop bearbeitet — über fünf Monate von November 2025 bis April 2026. Das ist mehr als ein einziger Klick — aber die fünf Monate beschreiben vor allem iteratives Prompting und Nachbearbeitung, keine eigenständige kreative Konzeption.

Ist Kolorieren an sich eine kreative Leistung?
Das ist eine genuine Frage, und sie ist unabhängig von KI zu beantworten: Manuelle Kolorierung erlaubt es dem Künstler, Entscheidungen über Farben und Töne zu treffen, was ein ansprechenderes oder stilisiertes Endergebnis erzeugen kann. Sie gibt dem Künstler die Freiheit, kreative Elemente hinzuzufügen, die bei automatischer Kolorierung nicht möglich wären. Das setzt aber voraus, dass der Kolorist Entscheidungen trifft — über historische Farben recherchiert, künstlerisch interpretiert, eine Haltung entwickelt.

Was macht KI damit?
Moderne KI analysiert Graustufen und generiert plausible Farbwerte durch Deep Learning auf der Basis von Millionen von Farbfotos — sie schlussfolgert aus Struktur (Gesichter, Himmel, Vegetation) die wahrscheinlichsten Farben. Das bedeutet: Die KI gibt statistische Durchschnittswerte aus, keine künstlerischen Entscheidungen. Ein menschlicher Kolorist der 1940er-50er Jahre (wie etwa die Handkolorierung von Pressefotos) traf bewusste Entscheidungen. Die KI optimiert auf „realistisch“ — also auf einen hypothetischen fotografischen Normalfall, der für Moonrise schlicht nicht existiert, weil Adams das Bild nie als Farbdokument konzipiert hat.

Das Paradox der Imitationsleistung
Hier liegt die tiefste Schwäche von Danzigers Anspruch: Ein kreatives Werk entsteht aus einer eigenständigen Vision. Was die KI hier produziert, ist buchstäblich das Gegenteil von Adams‘ Vision — sie kehrt eine absichtliche Entscheidung um. Das ist keine kreative Überschreibung (wie etwa ein Künstler, der bewusst ein bekanntes Werk umdeutet), sondern eine Auslöschung der Originalintention zugunsten einer statistisch wahrscheinlichen Normalität.
Man könnte vergleichen: Würde jemand Caspar David Friedrichs Mönch am Meer mit plausiblen Tagesfarben „restaurieren“, wäre das ebenfalls kein kreativer Akt — es wäre die Vernichtung einer bewussten Stimmungsentscheidung durch algorithmische Durchschnittlichkeit.

Ändert KI die Bewertung gegenüber manueller Kolorierung?
Ja — und das ist ein wichtiger Punkt. Manuelle Kolorierung erfordert mindestens Handwerk, Recherche und ästhetische Entscheidungen. Die KI reduziert genau diese Entscheidungsarbeit auf Null: Der Prompt „Make a realistic color version“ delegiert alle ästhetischen Entscheidungen an das Modell. Das Ergebnis ist umso weniger eine kreative Eigenleistung, je mehr die KI entscheidet. Danziger hat das durch fünf Monate Iteration partiell kompensiert — aber die Grundentscheidung (welche Farben, welche Stimmung, welche Aussage) traf er nicht.

Ich bin sehr gespannt, wie dieser Fall weitergeht, denn das Problem ist ja in gewisser Weise stellvertretend für viele andere Fotografen: Inwieweit sollten Nutzer das Recht haben, die fertigen Fotos zu verändern? Ist es ein Problem, wenn mein Kunde das Foto durch die KI schiebt, um sich jünger aussehen zu lassen oder mehr Haare auf den Kopf zu zaubern? Das alles passiert, und ich habe aus diesem Grund meine AGB nochmals überarbeitet und konkretisiert, daß jegliche Bearbeitung (auch mit KI) meiner Zustimmung bedarf. Der Ansel Adams Trust hat natürlich ein bißchen mehr Gewicht und erreicht ein größeres Publikum – von daher hoffe ich sehr auf seinen Erfolg in dieser Angelegenheit. Es ist ja schlußendlich sogar so: Selbst wenn Danziger alle Zustimmung des Trusts gehabt hätte, Moonrise per KI zu kolorieren: Das Ergebnis hat keinen Mehrwert, es hat keinen künstlerischen Wert – es bezieht lediglich einen „Leihwert“ aus dem Original.

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