Till Erdmenger – Businessfotos | Blog

Word Press Photo 2026 – warum es so wichtig ist

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Meine eigene Fotografie ist nicht journalistisch, im besten Fall manchmal dokumentarisch. Das heißt aber nicht, daß ich die Arbeit meiner Kollegen in Krisengebieten und Kriegen nicht sehr hoch schätze – diese Fotografien verdienen im Gegenteil den allergrößten Respekt für ihren Einsatz! Um authentische, echte Fotos realer Ereignisse zu liefern, damit die Welt hinguckt.

Wir haben seit kurzem einen Punkt erreicht, an dem aber der Privatmensch genauso wie der Propagandist in einfachster Weise täuschend echte Bilder von Ereignissen erfinden kann, die gar nicht stattgefunden haben. Oder ganz anders. Ich habe wiederholt über dieses Dilemma geschrieben. Die Deepsfakes gewinnen doppelt: Einmal, weil sie Leute finden, die sich täuschen lassen (wollen) und nocheinmal, in dem sie eine dauerhafte Skepsis gegen den „Bildbeweis“ erzeugt haben, die sich zunehmend auch gegen die echten Fotos, die wahren Zeugnisse richtet und deren Integrität infrage stellt. Es ist quasi eine „Erosion des Vertrauens in das Echte“ eingetreten.

Wir wissen aus verschiedenen Analysen, daß die Pressefreiheit weltweit unter starkem Druck steht, daß nur ein Bruchteil aller Menschen durch wirklich freie Presse informiert werden, daß Journalisten verhaftet und ermordet werden. Und daß dieses Phänomen nicht einfach pauschal auf den Globalen Süden oder autoritäre Staaten reduziert bleibt, sondern auch eine für uns wichtige und schützenswerte Minderheit betrifft: Die weltweiten Demokratien.

Grade deshalb ist das Gewinnerfoto des World Press Photo Award 2026 so bemerkenswert: Es wurde von der amerikanischen Fotojournalistin Carol Guzy für den Miami Herald aufgenommen – in New York City. Die USA ist jedoch nicht die Bühne, sie ist im Grunde der Protagonist. Es ist eher selten, dass eine Supermacht das Subjekt des Fotos des Jahres ist, dass in diesem Fall die USA nicht als Kontext erscheinen, sondern als der Staat, dessen Politik angeprangert wird. In der Vergangenheit zeigten die Siegerfotos häufig Kriegs- oder Krisengebiete im Globalen Süden. Das Foto richtet den Fokus ungewöhnlich direkt auf die Politik der weltgrößten Demokratie und deren Präsidenten Trump — in einer Zeit, in der viele Medienorganisationen unter (dessen) politischem Druck stehen. Die Jury-Chefin Kira Pollack formuliert das explizit: „Dies ist ein entscheidender Moment — für Demokratie, für Wahrheit, für die Frage, was wir als Gesellschaft bereit sind zu sehen und anzuprangern, und was wir bereit sind zu ignorieren.“

Man muß in aller Traurigkeit jedoch hinzufügen, daß auch Jahrzehnte des ungeschönten, brutalen Fotojournalismus oft nicht mehr als etwas Protest oder einige Demonstrationen provozieren konnte. Nur in den seltensten Fällen bewegten diese Fotos mehr – das menschliche Weggucken ist schon immer einfacher und bequemer gewesen.

Das diesjährige Gewinnerfoto heißt „Separated by ICE“ und wurde von Carol Guzy aufgenommen. Es zeigt einen ecuadorianischen Vater namens Luis, der nach einer Anhörung vor dem Einwanderungsgericht im Jacob K. Javits Federal Building in New York City von ICE-Beamten festgenommen wird. Seine Frau Cocha und die drei Kinder im Alter von 7, 13 und 15 Jahren wurden zurückgelassen. Luis hatte laut seiner Familie kein Vorstrafenregister und war der alleinige Ernährer der Familie. Guzy hatte sich Tag für Tag in dem einzigen Korridor des Gebäudes aufgestellt, zu dem Fotojournalisten Zugang hatten, um das Geschehen zu dokumentieren. Abseits der politischen Dimension ist das Bild ist kompositorisch ungewöhnlich. Man sieht den Vater kaum — nur Hände, die sich festklammern, und die Gesichter der Kinder. Die Jury betont eine „geradlinige Komposition, die den Betrachter zum Innehalten zwingt“. Es ist kein klassisches Kriegsfoto mit Blut oder Trümmern, sondern ein Bild aus einem Justizgebäude einer westlichen Demokratie — das ist der Bruch mit dem üblichen Kontext der prämierten World Press Photos.

Der World Press Photo-Preis zeichnet keine schönen Bilder aus — er zeichnet verifizierte visuelle Zeugnisse aus. Das ist in einer Welt überzeugender Deepfakes fundamental wichtig. Das Gewinner-Foto „Separated by ICE“ wurde vor Ort aufgenommen, von einer ausgewiesenen Fotografin, in einem der wenigen US-Bundesgebäude mit Pressezugang, publiziert im Miami Herald, ausgezeichnet von einer internationalen, unabhängigen Jury. Diese Kette der Verifikation ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

Die Juryvorsitzende Kira Pollack bringt es explizit auf den Punkt: „Photojournalismus war nie leichte Arbeit. Er war nie lukrativ oder sicher. Und doch gehen die Fotografen hin. Zu den Gerichtssälen und den Konfliktzonen, in die stillen Ecken der Welt, wo Geschichte ohne Zeugen geschrieben wird. Sie gehen, weil sie glauben, dass Sehen wichtig ist. Dass Beweise wichtig sind“.

Das Foto ist auch deswegen so wichtig, weil es die Politik eines Landes dokumentiert, das traditionell Pressefreiheit als Exportgut betrachtet — seit Jahren jedoch mit voller Wucht selbst Desinformation verbreitet, Rechte beschränkt, zunehmend autoritär auftritt und nicht einmal davor zurückschreckt, seine ICE-Schergen auszusenden und friedliche Bürger zu erschießen.

Die World Press Photo-Direktorin formulierte es so: „In einer Demokratie dient die Anwesenheit der Kamera in diesem Flur als Zeuge einer Politik, die Gerichtssäle in Orte zerstörter Leben verwandelt hat“.

Wir müssen wieder lernen, genauer hinzuschauen und daraus Konsequenzen abzuleiten, wenn wir weiterhin in Freiheit leben wollen. Wer genau hingucken möchte, kann noch bis zum 15. Juni die wichtigsten „World Press Photos“ des vergangenen Jahres im Altonaer Museum in Hamburg sehen. Aus den vielen eingereichten Fotos habe ich hier einige herausgesucht, die mich selbst besonders ansprechen:

Die Caption zum Gewinnerfoto lautet: „Please understand we are coming here for a better opportunity, not just for ourselves, but for our children,” said Cocha, after her husband, Luis, was detained by ICE agents following an immigration court hearing at the Jacob K. Javits Federal Building. Luis, an Ecuadorian migrant whom his family says has no criminal record, served as the household’s sole provider. This photograph, taken inside one of the few US federal buildings where photographers were granted access, captures a harrowing moment: a family separated by the state. What Carol Guzy has documented is not an isolated instance, but a policy indiscriminately applied to people who arrive for hearings in good faith. Cocha and their three children – ages seven, 13, and 15 – were left inconsolable, facing immediate financial hardship and profound emotional trauma. In a democracy, the camera’s presence in that hallway is an essential witness to a policy that has turned courthouses into sites of shattered lives.

In 2025, shifts in US immigration policy transformed courthouses into focal points for mass deportation efforts by US Immigration and Customs Enforcement (ICE). Masked ICE agents detained undocumented migrants immediately following their hearings, often leading to deeply traumatic family separations. These aggressive tactics, coupled with severely overcrowded and unsanitary conditions at the 10th-floor holding facility in the Jacob K. Javits Federal Building in New York, prompted fierce public protests, class-action lawsuits, and the arrest of local elected officials demanding accountability.

Ich zeige die Fotos mit freundlicher Unterstützung von World Press Photo, Amsterdam, Niederlande.

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