Die Tagung „Echt jetzt? Fotografie/Film und KI/AI“ fand am 24. und 25. September 2026 in Münster statt. Ich konnte leider nicht daran teilnehmen, weil ich zu kurzfristig davon erfahren hatte – wenigstens für eine kurze Ankündigung hier auf meinem Blog hat es gereicht. Auf den nun veröffentlichten Bericht der LWL-Kommission Alltagskulturforschung war ich natürlich neugierig. Veranstalter waren die Kommission Fotografie der Fachgesellschaft, die LWL-Kommission, das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, das RuhrMuseum/Zentrum für Fotografie Essen und die Universität Tübingen.
Fünf Rollen der KI
Ulrich Hägele (Tübingen) ordnete KI in der visuellen Kultur fünf Funktionen zu: als Imitationssystem, als Mittel für Sentimentalität, zur Historisierung, zur Parodie und zur Propaganda. Das hilft, weil „KI-Bilder“ kein einheitliches Phänomen sind. Ein sentimentales Bild, ein erfundenes „historisches“ Foto und ein propagandistischer Fake brauchen unterschiedliche Antworten.
Recht, Technik, Wahrheit
Die Juristin Pia Pillokat gab einen Überblick über AI Act sowie Urheber- und Persönlichkeitsrecht. In der Diskussion zeigte sich, dass es weiterhin erhebliche Grauzonen gibt. Die Informatikerin Simone Rehm beschrieb KI als Werkzeugset, aber auch als „Plagiatsmaschine“, und warnte vor der Vermenschlichung der Technik. Vanessa Zallot und Luca Schaffer fragten mit Hito Steyerl, ob das unscharfe Foto ein letztes Refugium dokumentarischer Wahrheit ist. Steyerl beschrieb 2007 in „Documentary Uncertainty“, dass dokumentarische Bilder umso unschärfer und unruhiger wirken, je näher sie der Realität kommen. Da KI inzwischen auch scharfe, intime „Einblicke“ erzeugen kann, wird die Frage brisant.
Praxis und Geschichte
Mehrere Teil-Beiträge sind besonders aufschlussreich:
- Amateurfotografie: Nadine Kulbe (ISGV Dresden) berichtete, dass Befragte generative KI ablehnen, KI-gestützter Bildbearbeitung aber aufgeschlossen gegenüberstehen. Das „Glück des Augenblicks“ wollen sie sich nicht nehmen lassen.
- Gedenkstätten: Timo Saalmann (KZ-Gedenkstätte Flossenbürg) warnte, dass KI-Bilder vom Lageralltag unmittelbare Zeugenschaft vortäuschen. Wissenschaftliche Institutionen müssten dem evidenzbasierte Darstellungen entgegensetzen.
- „Histobots“: Lina Ruth Harder (Bergen) zeigte, dass KI eher historische Wahrscheinlichkeit als Quellenlage abbildet. Sie folge damit populären Narrativen, etwa dem nicht überlieferten Kuchen-Satz von Marie Antoinette.
- Bestandserschließung: Frederic Kausch (LVR) kam zu dem Ergebnis, dass die Kombination aus KI für die Menge und Fachleuten für den Kontext am sinnvollsten ist.
Begriffe und Stereotype
Jörg Müller (Tübingen) betonte, der Anteil KI-generierter Bilder am weltweiten Bilderaufkommen sei noch verschwindend gering. Diese Zahl nennt der Bericht ohne Beleg, ich konnte sie nicht prüfen. Luzie Ronkholz schlug den Begriff „Promptografie“ vor und mahnte, dass KI koloniale Stereotype aus den Trainingsdaten verstärkt. Serafina Andrew zeigte das am Beispiel fotorealistischer Instagram-Bilder Schwarzer Menschen.

Was ich ergänzen möchte
Rechtslage: Seit dem 2. August 2026 gelten die Transparenzpflichten aus Artikel 50 des AI Act. Kennzeichnungspflichtig sind vor allem Deepfakes, also realistisch wirkende KI-Inhalte, die fälschlich als echt erscheinen würden. Eine Pflicht für jedes KI-Bild gibt es nicht.
Unsichtbare Arbeit: Der Tagungsbericht merkt selbst an, dass die Ausbeutung von Datenarbeitern nicht behandelt wurde. Beim Bundestags-Fachgespräch im April 2026 berichtete Joan Kinyua, dass Datenarbeiter in Nairobi etwa 250 US-Dollar im Monat verdienen. Auch das gehört zur Frage, was an KI-Bildern „echt“ ist.
Dieser Artikel ist übrigens stilecht mithilfe einer KI entstanden, die für mich den Beitrag des LWL zusammengefasst hat. Das Beitragsfoto hingegen ist absolut echt – das Foucault´sche Pendel im Dom von Münster habe ich 2022 fotografiert, als ich dort war. Grundlage dieses Beitrags ist der Bericht des LWL – ich war nicht selbst vor Ort.
Fazit
Die Tagung verfiel offenbar weder in Alarmismus noch in Technikbegeisterung. Sie fragte, wofür KI in der visuellen Kultur eingesetzt wird und wer davon profitiert. Ein Tagungsband soll nächstes Jahr bei Waxmann erscheinen. Ich habe mich jetzt in den Newsletter des LWL eingetragen, um eventuelle weitere Workshops ähnlicher Art nicht mehr zu verpassen.


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