Eine psychologische Studie des „Instituts für Fotopsychologie“ (eine private Forschungsinitiative von Dr. Joachim Feigl) legt auf 100 Seiten dar, was viele Analog-Fotografen schon länger ahnen: Film ist keine Nostalgie – Film ist eine Haltung. Die Erkenntnisse dieser Untersuchung treffen sich auf bemerkenswerte Weise mit dem, worüber ich hier in den letzten Monaten immer wieder geschrieben habe – und mit dem, was Christoph Künne bei DOCMA gerade als wirtschaftliche These formuliert.
Die Studie: Was wurde untersucht?
Dr. Joachim Feigl hat von Oktober bis Dezember 2025 insgesamt 1.347 Personen befragt – Profifotografen, Amateurfotografen und eine bevölkerungsrepräsentative Kontrollgruppe – auch ich war eingeladen, konnte aber aus persönlichen Gründen nicht zeitgerecht teilnehmen. Die Studie ist der sechste Forschungsbericht des Instituts, trägt den Status eines Preprints und ist offen zugänglich. Sie fragt: Warum fotografieren Menschen heute noch auf Film? Was erleben sie dabei? Und was unterscheidet sie von denjenigen, die ausschließlich digital arbeiten?
Die wichtigsten Befunde:
- Der Prozess ist das Produkt. Das zentrale Motiv für analoges Fotografieren ist nicht das Ergebnis, sondern der Weg dorthin. Die Begrenzung auf 36 Bilder, die fehlende Sofortkontrolle, die zeitliche Verzögerung bis zur Entwicklung – all das wird nicht als Einschränkung erlebt, sondern als hilfreiche Struktur. Man denkt nach, bevor man auslöst. Analog-Fotografen beschreiben ihre Praxis als bewusster, konzentrierter, näher an einer Form von Achtsamkeit.
- Look und Prozess sind nicht dasselbe. Die Studie stellt unmissverständlich klar: Digitale Analog-Filter werden zwar genutzt, gelten in der Analoggruppe aber kaum als Alternative zur echten Praxis. Der „analoge Look“ funktioniert als ästhetischer Code – der psychologische Mehrwert entsteht jedoch erst durch Materialität, Begrenzung und einen nachvollziehbaren Herstellungsweg. Das ist kein Stilurteil, das ist ein empirischer Befund.
- Authentizität ist prozessgebunden. Analog fühlt sich subjektiv echter an, weil der Weg zum Bild als weniger beliebig erlebt wird. Korn, Lichtlecks, Entwicklungsunregelmäßigkeiten gelten nicht als Defizite, sondern als Signatur. Das heißt nicht, dass analoge Bilder objektiv „wahrer“ sind – wie mein Kommentator Jochen Petry es mit dem Avedon-Zitat treffend ergänzt hat: All photographs are accurate. None of them is the truth. Aber die Zuschreibung von Echtheit hängt offenbar stark daran, ob ein nachvollziehbarer, materieller Prozess erkennbar ist.
- KI als neuer Bezugspunkt. Für einen relevanten Teil der Analog-Fotografen ist die Verbreitung KI-generierter Bilder ein Motiv, auf Film zu wechseln – oder dabei zu bleiben. Nicht als Hauptmotiv, aber als Kontext, der die Entscheidung für einen transparenten Herstellungsweg stärkt.
- Hybride Praxis ist die Norm. Entwicklung wird oft an Labore ausgelagert, das Scannen dagegen übernehmen viele selbst. Dunkelkammerarbeit ist eine Vertiefung für einen Teil, nicht der Standard. Es gibt kein Entweder-oder zwischen analog und digital, sondern eine pragmatische Kombination.
- Vier Typen von Analog-Fotografen. Die Clusteranalyse der Studie unterscheidet: distanziert-pragmatische Gelegenheitsnutzer (20%), werteorientierte Analogfans mit Gemeinschaftsbezug (27%), engagierte Dunkelkammer-Experten (26%) und praxisstarke Selbstentwickler mit nüchternerem Bedeutungsprofil (27%). Diese Typenbildung erklärt gut, warum die Szene so unterschiedlich wirkt: Sie ist es tatsächlich.
Was DOCMA dazu sagt
Christoph Künne hat bei DOCMA kürzlich einen Beitrag veröffentlicht, der diese Befunde aus einer anderen Richtung bestätigt. Sein Argument: Mitten in der Flut KI-generierter Hochglanzbilder gewinnt das Körnige, das Unscharfe, das Ungestellte an Wert – nicht als Nostalgie, sondern als messbarer Wettbewerbsvorteil. Die Zahlen, die er zitiert, sind eindeutig: Laut VisualGPS-Studien von Getty Images empfinden 98 Prozent der Verbraucher authentische Bilder als entscheidend für Vertrauen. 74 Prozent bevorzugen Produktbilder, die andere Käufer aufgenommen haben gegenüber professionellen Herstellerfotos. Adobe Stock vergütet KI-generierte Inhalte mit einem Abschlag von 25 Prozent gegenüber echten Fotos.
Der Gedanke hinter dieser Beobachtung deckt sich mit dem, was die psychologische Studie auf Motivebene beschreibt: Was sich nicht automatisieren, generieren oder skalieren lässt – der echte, unwiederholbare Moment –, gewinnt an Seltenheitswert. Die Ironie ist greifbar: Je leistungsfähiger die Technik, desto größer die Nachfrage nach dem, was sie nicht liefern kann.
Meine Meinung dazu
In meinem Beitrag „Das erste Opfer der KI ist die Wahrheit“ habe ich geschrieben, dass Analog-Fotografen diese Debatte nicht neu erfunden haben. Die Fotografie führt den Kampf um die Glaubwürdigkeit des Bildes seit Jahrzehnten. Was sich geändert hat, ist der Maßstab.
Die psychologische Studie von Feigl liefert dazu das handwerkliche Fundament: Wer auf Film fotografiert, trifft vorher mehr Entscheidungen. Er hat weniger Aufnahmen, keine Sofortkontrolle, kein unbegrenztes Undo. Das zwingt zur Haltung. Und diese Haltung – nicht der Look – ist der entscheidende Unterschied zu einem KI-generierten Bild, das zwar technisch tadellos, ästhetisch raffiniert und kompositorisch perfekt sein kann, aber keine Geschichte trägt.
Mein Beitrag „Was macht ein gutes Foto aus?“ versucht, diese Spannung zwischen Technik und Bedeutung aufzufächern. Das Ergebnis ist unbequem: Technische Perfektion allein macht noch kein bedeutsames Bild. Der entscheidende Unterschied liegt in der Intention – in der Frage, warum dieses Bild existieren muss. Und hier schließt sich der Kreis zur Studie: Analog-Fotografen stellen sich diese Frage öfter, weil Film sie dazu zwingt.
Was das für die Praxis bedeutet
Für mich als Businessfotograf, der sowohl analog als auch digital arbeitet, ergeben sich aus dieser Kombination von Studienlage und Marktbeobachtung konkrete Schlussfolgerungen:
Der analoge Herstellungsweg ist kein Hobby-Signal mehr. Er ist – zumindest für einen wachsenden Teil der Auftraggeber und Betrachter – ein Qualitätssignal. Nicht weil Film technisch überlegen ist. Sondern weil er einen Prozess sichtbar macht, der nachvollziehbar und körperlich verankert ist. In einer Zeit, in der Bilder zunehmend aus dem Nichts entstehen können, ist genau das wertvoll.
Das bedeutet nicht, dass jeder auf Film umsteigen muss. Die Studie beschreibt vier verschiedene Typen, und alle haben ihre Berechtigung. Aber die Entscheidung für analoge Mittel – ob als primäres Werkzeug oder als bewusste Ergänzung – ist heute strategisch begründbarer als je zuvor.
Und vielleicht noch wichtiger: Die Frage nach dem Warum eines Bildes – die analoge Praxis geradezu erzwingt – ist die Frage, die jede Fotografie stärker machen würde. Egal auf welchem Medium.
Quellen für diesen Beitrag: Feigl, J. (2026). Forschungsbericht 6 – Psychologische Perspektiven der analogen Fotografie. Institut für Fotopsychologie (Preprint-Status; archiviert in PsychArchives) · Christoph Künne: „Das Echte hat Konjunktur: Warum ungefilterte Bildsprache zur stärksten Währung in der Fotografie wird“, DOCMA, April 2026 sowie eigene Beiträge. Ich habe KI verwendet, um die Studie in Stichpunkten zusammenzufassen.


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