Führt Corona zum Tod des klassischen Bewerbungsfotos?

… na, wahrscheinlich nicht. Klar ist, dass wir Profifotografen während des Lockdowns wie viele andere Berufssparten leiden mussten und uns natürlich an die derzeit geltenden Hygieneregeln halten müssen. Das macht unsere Arbeit jedoch weder unmöglich noch obsolet. Professionelle Fotografie wird immer gebraucht werden, auch in Zeiten des Homeoffice. Über die lustigen Auswüchse moderner Businessbekleidung am Heimarbeitsplatz wurde in den vergangenen Monaten vielfach geschrieben: Schlips und Jackett zur Jogginghose? Ganz normal, wenn nur der Oberkörper in der Videokonferenz zu sehen ist 😉

Besondere Aufmerksamkeit hat vor einigen Tagen die Amerikanerin Lauren Griffiths auf LinkedIn erzielt, als sie erklärte, warum sie nun ein Selfie statt eines Businessfotos in ihrem Profil zeigt. Dafür erhielt sie viel Zuspruch – und in der Tat wirkt sie auf dem neuen Bild viel sympathischer. Es ist mitten aus dem Leben gegriffen und authentisch. Griffiths schreibt, für das letzte Foto habe ihr Mann mindestens 80 Bilder gemacht und sie habe sich in Pose geworfen. Genau genommen ist das zuvor genutzte Foto also kein professionelles Businessfoto. Es ist mit Tageslicht ohne bewußte Lichtführung aufgenommen, es zeigt einen unruhigen Hintergrund, der wie die heimische Schrankwand wirkt. Der Gesichtsausdruck ist ziemlich kühl. Es ist – in meinen Augen – schlicht kein besonders gutes Businessfoto. Die Schlussfolgerung, anstelle von professionellen Portraits könne man fortan Selfies im Businessbereich nutzen, führt meines Erachtens in die Irre. Vielmehr sollte man sich die besondere Bedeutung guter Fotos verdeutlichen und die Konsequenzen daraus ziehen: Für gelungene, authentische Portraits lieber einen Profi engagieren.

Frau Griffiths erzählt im Spiegel-Interview, dass sie es bedauere, dass Menschen anhand ihres Aussehens oder ihrer Kleidung Kompetenz zuerkannt bzw. abgesprochen bekommen. Und das ist tatsächlich bedauerlich! Wir alle sollten uns immer wieder klar machen, wie schnell man sich von Äußerlichkeiten beeinflussen lässt. Und wie gefährlich das im Zusammenhang mit Fake-News oder Rassismus werden kann.

EDIT: Mit ihrem sehr pointierten Kommentar hat mich Fr. Behm auf LinkedIN auf das Dilemma aufmerksam gemacht, dass eben auch das unperfekte Selfie eine bewußte Message transportiert – ergo diese „realness“ im Grunde auch Fake sei. Vielen Dank für die wichtige Ergänzung! Ich vermute, Fr. Griffiths hat das nun ersetzte Foto damals unter den 80 Bildern bewußt ausgewählt und für repräsentativ erachtet. Dass sie ihre Meinung geändert hat, ist natürlich vollkommen legitim. Es geht gar nicht darum, die Dame zu verunglimpfen, sondern darum, dass ein authentisches Porträt möglichst natürlich wirken und gleichzeitig technisch perfekt sein kann – und man sich selbst nicht verstellt, nur um irgendeine Nachricht mit seinem Bild zu übermitteln.