Selfie Dysmorphia: Wenn das Ideal Realität werden soll

Dieser Tage las ich einen aufschlußreichen – wenngleich auch verstörenden – Artikel auf ZEIT Online über eine in den letzten Jahren offenbar immer öfter auftretende Störung der Selbstwahrnehmung – Selfie Dysmorphia. Unsere digitalen Alltagsbegleiter können problemlos die flink geknipsten Selfies mit schierer Rechenpower und der Hilfe von „künstlicher Intelligenz“ derartig aufbrezeln, glätten und optimieren, daß wir aussehen wie Supermodels. Das mag man lustig finden und es sorgt zuverlässig für Likes und Fans in den sozialen Netzwerken. Wenn man aber so weit in diese digital verschönerte Selbstwahrnehmung abgleitet, daß der Anspruch entsteht, man müsse auch in der Realität so aussehen, führt das zu einem großen psychischen Druck und vielleicht auch zum Besuch bei einem Schönheitschirurgen.

Nun verändern sich Schönheitsideale bekanntermaßen immer wieder – ähnlich wie die Mode. Und in den vergangenen Jahren wurde viel dafür getan, sich von überkommenen Idealen zu emanzipieren. Das führte teilweise soweit, daß Fettleibigkeit als neue Normalität dargestellt wird, was sie aus physiologischer und medizinischer Sicht sicherlich nicht ist. Auf der anderen Seite kämpft man immer wieder mit den „Dämonen“, den überschlanken, perfekt modellierten Figuren, bei denen kein Fältchen und kein graues Haar das Idealbild unterminiert. Sie führten zu falschen Selbsterwartungen und/oder zu Bulimie bei jungen Mädchen, heißt es. Heutzutage führen die live und zuhause idealisierten Selfies also zum Wunsch, sich per Operation ganz real in das Wesen zu verwandeln, daß man digital bereits ist.

Dass dieser Wunsch unrealistisch ist und seine Überwindung möglicherweise therapeutische Maßnahmen erfordert, ist in verschiedensten Artikeln zu diesem Thema geschildert, die sich auch auf seriösen Webseiten finden lassen. Dass es zugleich aber auch tieftraurig ist, wenn (junge) Menschen derartig unreflektiert auf augenscheinliche „Fakes“ reagieren, sollte nicht unerwähnt bleiben. Im Gegensatz zu vielen gefälschten Fotos im Internet oder populistischen Falschmeldungen, für die man möglicherweise einfach mal die Quellen prüfen und nachsehen müsste, was sonst noch darüber geschrieben wird, muß man ja grade mal einen kurzen Blick in den Badezimmerspiegel werfen, um sich zu vergegenwärtigen, daß die lustigen Hasenöhrchen nicht wirklich da sind. Und auch nicht die süßen Kulleraugen. Da steckt doch eine Menge Naivität dahinter, die mit ein klein wenig selbstständigem Denken umgangen werden könnte.

Ein Selfie, daß ich ebenfalls mit einer KI-App getunt habe. Hier habe ich mir anstatt eines Schmollmundes einige Jahre aufgeschminkt. Technisch gesehen interessant, aber mir ist auch bewußt, daß ich in 30 Jahren nicht so aussehen werde.

Warum, zum Teufel, schreibe ich das alles? Bezogen auf die Fotografie kenne ich zwei Phänomene, die ebenfalls mit verdrehter Selbstwahrnehmung zu tun haben: Fast jeder Mensch kennt sich selbst am besten aus dem Spiegel. Der zeigt aber eben ein spiegelverkehrtes Bild. Da kein reales Gesicht komplett symmetrisch ist, wirkt jedes Foto, das man von sich selber sieht, zunächst komisch. Weil es irgendwie „falschherum“ aussieht [Ergänzung: Dieser Effekt hat dazu geführt, daß manche Smartphones aus Fernost alle Selfies grundsätzlich ersteinmal seitenverkehrt speichern!].

Außerdem war es zumindest in der Vergangenheit so, daß die meisten Fotos, die man von sich selbst sah, Schnappschüsse mit technischen Unzulänglichkeiten waren, die zumeist mit zu kurzer Brennweite fotografiert wurden. Rote Augen, Unschärfe und Fischoptik führten häufig dazu, daß Menschen meinten, sie sähen auf Fotos immer schrecklich aus. Dieser Punkt dürfte derzeit von der Entwicklung aktueller Smartphones eliminiert werden: Nicht nur, daß viele Geräte heutzutage mit 2 verschiedenen Linsen (also einer Porträt-Brennweite) daherkommen, die digitale Aufbereitung der Fotos ist auch ohne monströse Selfie-Filter schon atemberaubend. Die Perfektions-Filter sind dann noch das Sahne-Häubchen obendrauf.

Als Fotograf verfolgt man meist eine von zwei diametralen Maximen: Während die einen alles tun, damit die von ihnen fotografierten Portraits perfekt aussehen, sehen andere die natürliche, authentische Darstellung als Ziel. Ich will das nicht beurteilen (auch wenn ich noch nie bei einem Porträt Hasenohren hineinretourniert habe) – bin aber sehr gespannt, ob auch im professionellen Bereich absehbar Menschen mit solcherart bearbeiteten Selfies ankommen, um zu demonstrieren, wie ihre Portrait-Fotos/Businessfotos/Hochzeitsfotos/wasauchimmer auszusehen haben. Ich fände das schade. Immerhin wäre es aber weniger schmerzhaft und irreversibel, als sich gleich unters Messer zu legen …