Till Erdmenger – Businessfotos | Blog

Ausstellung: F.C. Gundlach in Hamburg

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Am Wochenende bin ich in Hamburg gewesen – natürlich mit vollem Programm und analoger Kamera. Dass der Farbfilm nicht einmal ganz voll geworden ist, lag vor allem an einer respektlosen Erkältung, die meine Freude am Städtetrip etwas schmälerte. Neben einem spontanen Besuch bei meinem Lieblings-Labor Khrome, wo ich einen Blick in den Maschinenraum werfen durfte (vielen Dank nochmals an dieser Stelle!) stand auch ein geplanter Besuch in der Elbphilharmonie im Kalender. Neben einem Flohmarkt, schönen Cafés und einem Wiedersehen mit meinem alten Zigarrenfreund Dirk von Fischgrätdesign war der Besuch im Bucerius-Forum sicherlich einer der Höhepunkte der Reise. Dort läuft zur Zeit eine Ausstellung aus Anlass des 100. Geburtstags von F.C. Gundlach.

F.C. Gundlach – Der Mann, der die Mode zum Sprechen brachte

Wer sich mit Fotografie beschäftigt, kommt an diesem Namen nicht vorbei: Franz Christian Gundlach, kurz F.C. Gundlach. Modefotograf, Galerist, Sammler, Visionär. Einer der wichtigsten deutschen Fotografen des 20. Jahrhunderts – und aktuell ein guter Anlass für einen kleinen Ausflug in die Hamburger Ausstellungslandschaft.

Gundlach wurde am 16. Juli 1926 im hessischen Heinebach geboren. Mit zehn Jahren bekam er seine erste Kamera – eine Agfa-Box. Sein jüngerer Bruder wurde zum ersten Modell, die elterliche Gaststätte zur ersten Dunkelkammer. Man könnte sagen: Die Weichen waren früh gestellt. Der Krieg jedoch unterbrach das alles. 1944 wurde Gundlach eingezogen, er geriet in Gefangenschaft. Nach der Entlassung ließ er sich von 1947 bis 1949 an der Privaten Lehranstalt für Moderne Lichtbildkunst in Kassel ausbilden, arbeitete anschließend als Assistent bei der Modefotografin Ingeborg Hoppe in Stuttgart – und später bei Harry Meerson in Paris. Paris – das war damals nicht irgendwo, das war die Welt.

Hamburg, Film und Frau und die Erfindung des deutschen Modeblatts

1953 begann Gundlachs Spezialisierung auf Modefotografie, mit seiner Arbeit für die Hamburger Zeitschrift Film und Frau. Was er dort tat, war alles andere als Routine: Er fotografierte Romy Schneider, Hildegard Knef, Dieter Borsche, Jean-Luc Godard – vor allem aber liess er seine Models vor der noch vom Krieg gezeichneten Kulisse Berlins, der Gedächtniskirche, der Siegessäule posieren. Das war Absicht. Gundlach wollte die Mode nicht isoliert zeigen, sondern im Kontext der Zeit. Er war überzeugt, dass Modefotografie den Zeitgeist präziser abbilden kann als reine Reportagefotografie. Ein ungewöhnlicher Gedanke – und ein fruchtbarer.

Ab 1963 entstand im Rahmen eines Exklusivvertrags mit der Brigitte ein schier unerschöpfliches Werk: mehr als 160 Titelbilder, über 5.000 Seiten Modereportage. Weltreisen inklusive – Naher Osten, Fernost, Südamerika. Das Jet Age als Kulisse, die Kamera immer dabei.

Avedon, Penn – und ein Deutscher, der mithält

Wer Gundlachs Arbeit betrachtet, erkennt, wo er hingeschaut hat: Richard Avedon und Irving Penn waren seine großen Referenzpunkte. Avedon mit seiner Energie, seiner Lust an Bewegung und Konfrontation. Penn mit seiner grafischen Strenge, der Klarheit im Studio, dem Respekt vor dem Motiv.

Gundlach übernahm natürlich nicht einfach deren Stil – er übersetzte ihn in einen deutschen, journalistisch geprägten Kontext. Weniger glamourös-entrückt als Avedon, weniger puristisch als Penn. Aber genauso konsequent und mit einer Haltung. In seiner späteren PPS. Galerie zeigte Gundlach 1981 dann übrigens Penn, 1983 schließlich Avedon. Er schätzte diese Meister und er sorgte dafür, dass auch Hamburg es sah.

PPS. – mehr als eine Galerie

Ende der 1960er Jahre wechselte Gundlach die Perspektive. Er gründete zunächst die Firma CC (Creative Color), dann das fotografische Dienstleistungsunternehmen PPS. (Professional Photo Service) im Hamburger Medienbunker an der Feldstraße: Schwarzweiß- und Farblabore, Mietstudios, Equipment-Handel, Fachbuchhandlung. Ein Ort, an dem Fotografen arbeiten konnten wie anderswo kaum. Das Unternehmen hatte zahlreiche Standorte, auch in Düsseldorf, wo es um das Jahr 200 herum für mich der zentrale Anlaufpunkt für Filmentwicklung, Material und Beratung wurde. Bei PPS. Düsseldorf in der Hüttenstraße hatte auch ich meine erste Ausstellung 😉

1975/76 folgte die PPS. Galerie F.C. Gundlach – eine der ersten reinen Fotogalerien Deutschlands. Bis 1992 wurden dort über 200 Ausstellungen gezeigt. Neben Avedon und Penn: Mapplethorpe, Salgado, Nan Goldin, Wolfgang Tillmans. Eine Liste, die auch heute noch beeindruckt. Gundlach hat damit nicht nur seine eigene Arbeit, sondern das Medium Fotografie als Ganzes in Deutschland etabliert – lange bevor Museen das erkannten.

1993 gründete er den Arbeitskreis Photographie Hamburg e.V., 1999 initiierte er die erste Triennale der Photographie in Hamburg. 2003 wurde er Gründungsdirektor des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen. 2000 hatte er bereits die Stiftung F.C. Gundlach ins Leben gerufen, um sein Lebenswerk und seine bedeutende Sammlung – Das Bild des Menschen in der Photographie – zu sichern.

Am 23. Juli 2021 starb F.C. Gundlach in Hamburg im Alter von 95 Jahren.

Jetzt in Hamburg: zwei Ausstellungen zum 100. Geburtstag

2026 wäre Gundlach hundert Jahre alt geworden. Hamburg erinnert daran mit gleich zwei Ausstellungen:

„F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone“ im Bucerius Kunst Forum (8. Mai bis 16. August 2026) zeigt, wie Gundlach als Modefotograf, Netzwerker und Galerist die visuelle Kultur seiner Zeit geprägt hat – von Paris und New York bis Hamburg und Berlin. Die Schau ist Teil der 9. Triennale der Photographie Hamburg (Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other, 5. Juni bis 22. September 2026).

„Cocktail Prolongé: F.C. Gundlach Special“ in den Deichtorhallen (5. Juni bis 22. September 2026) versammelt rund 300 Arbeiten aus der Sammlung Gundlach und fragt nach den vielfältigen Inszenierungsmöglichkeiten von Körperlichkeit – von eleganter Modefotografie bis zu provokanteren, queeren und verletzlichen Bildwelten.

Wer also im Sommer in Hamburg ist: Beide Ausstellungen zusammen ergeben ein außergewöhnlich dichtes Bild eines Mannes, der nicht nur Fotos gemacht, sondern eine ganze Fotografiekultur mitgeprägt hat. Das sollte man sich nicht entgehen lassen. Ich kann die Ausstellung in diesem Fall sogar höchstpersönlich empfehlen!


Weitere Informationen: buceriuskunstforum.de und deichtorhallen.de. In der ARD Mediathek finden Sie außerdem eine ausführliche Dokumentation über Gundlach. Titelbild: F.C. Gundlach, Op Art-Badeanzug, Brigitte Bauer, Sinz Bademoden, Vouliagmeni, 1966 © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach

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