Till Erdmenger – Businessfotos | Blog

Filmhersteller: InovisCoat und FilmoTec go Oldschool

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Ende Juli 2026 sorgte eine Meldung aus Düsseldorf für Aufsehen in der Analogfoto-Szene: Chris Vandebroek, Mitgründer des Foto-Labels Optik Oldschool, hat die beiden deutschen Filmhersteller InovisCoat (Monheim) und FilmoTec (Wolfen/Bitterfeld) übernommen. Für eine Branche, die in den letzten Jahren viele große Ankündigungen und ebenso viele Enttäuschungen erlebt hat, ist das mehr als eine Randnotiz – wird sich die Branche konsolidieren oder ist es der nächste Akt einer jahrzehntelangen Firmen-Odyssee?

Was ist passiert?

Optik Oldschool, ein 2023 gegründetes Düsseldorfer Unternehmen, das ursprünglich mit Werkzeugen für die analoge Dunkelkammer und ein eigenes Entwicklungslabor bekannt wurde, hat sich damit vom Filmlabor zum Filmhersteller gewandelt. Die Zusammenarbeit begann bereits 2024; 2025 folgte mit dem Farbfilm OptiColour 200 das erste gemeinsame Produkt mit InovisCoat – und im Juli 2026 wurde daraus offenbar eine vollständige Übernahme.

Bemerkenswert: Während die offizielle Pressemitteilung von Optik Oldschool die Übernahme als unternehmerischen Schritt darstellt, berichten unabhängige Branchenbeobachter wie SilvergrainClassics, dass der Erwerb im Rahmen eines Insolvenzverfahrens des bisherigen Eigentümers erfolgt sei. Diese Einordnung fehlt in der Darstellung von Optik Oldschool – ein Detail, das für die Bewertung des Vorgangs nicht unwichtig ist.

Fachlich bedeutsam ist der Deal vor allem deshalb, weil InovisCoat zu den wenigen Unternehmen weltweit zählt, die moderne fotografische Emulsionen selbst entwickeln und mehrschichtig beschichten (also Farbfilme produzieren) können – eine Fähigkeit, über die neben Kodak und Fujifilm nur eine Handvoll Firmen weltweit verfügt. FilmoTec bringt jahrzehntelange Erfahrung in der Produktion von Foto- und Kinofilmen ein.

Offen bleibt bislang, wie der Deal finanziert wurde und ob die Markenrechte an ORWO – der historischen Wolfener Filmmarke – überhaupt Teil der Übernahme sind. Einiges spricht dagegen, dass die Marke mitverkauft wurde; Klarheit gibt es dazu noch nicht. Zwischenzeitig wurden die FilmoTec Produkte unter dem Markennamen WOLFEN verkauft. Ebenso unklar ist bisher, ob der Deal auch den italienischen Hersteller Film Ferrania umfasst, ein Unternehmen, daß Ende 2024 von Mr. Seal mit dem Ziel übernommen worden war, die legendären P30 und P33 Emulsionen wieder auf den Markt zu bringen und zukünftig unter dem Dach der ORWO-Gruppe Farbfilme herzustellen.

Wer ist Chris Vandebroek?

Anders als man vermuten könnte, kommt der neue Eigentümer nicht aus der Foto- oder Chemiebranche, sondern aus dem Games- und Software-Geschäft. Vandebroek war unter anderem COO bei Gamesplanet.com/Metaboli SA und in verschiedenen Führungsrollen bei Spieleentwicklern und -vertrieben tätig, bevor er 2023 Optik Oldschool gründete. Sein Einstieg in die Fotobranche begann klein – mit einem Schneidewerkzeug für Filmrollen – und mündete über ein eigenes Entwicklungslabor schließlich in die Übernahme zweier Filmfabriken.

Ob diese unternehmerische, aber branchenfremde Herkunft ein Vorteil oder ein Risiko ist, wird unterschiedlich bewertet: Befürworter sehen darin geschäftliches Know-how, das der traditionsreichen, aber wirtschaftlich oft fragilen Filmindustrie fehlte. Kritischere Stimmen verweisen darauf, dass die Marktkenntnis erst wenige Jahre alt ist.

Eine Firmengeschichte voller Brüche

Um die Bedeutung der aktuellen Übernahme zu verstehen, lohnt der Blick zurück: Die Wurzeln von FilmoTec reichen über die DDR-Marke ORWO („Original Wolfen“) bis zur 1909 gegründeten Agfa-Filmfabrik Wolfen zurück. Nach 1990 folgte eine Kette gescheiterter Privatisierungsversuche: 1992 die „Filmfabrik Wolfen GmbH“, 1994 deren Liquidation, danach ein Neustart als „ORWO AG“ unter Heinrich Mandermann – der 1997 ebenfalls in die Insolvenz ging. Aus den Resten entstand 1998 die heutige FilmoTec GmbH als kleinerer Nachfolgebetrieb.

InovisCoat wiederum geht auf eine Ausgründung aus der Agfa-Insolvenz in Leverkusen (2005) zurück und zog 2008 nach Monheim um. 2020 übernahm der US-Investor Jake Seal beide Unternehmen über seine Firma Seal 1818 – mit dem erklärten Ziel, sie unter der Marke ORWO zu bündeln. Diese Ära war jedoch von anhaltender Kritik begleitet: Eine viel beachtete Recherche von SilvergrainClassics aus dem Jahr 2023 dokumentierte intransparente Firmenstrukturen und ein wiederkehrendes Muster von Insolvenzanmeldungen rund um Seals Firmengeflecht, ohne jedoch konkretes Fehlverhalten zu unterstellen.

Die nun bekannt gewordene Übernahme durch Vandebroek markiert damit möglicherweise das Ende dieser Ära – und zugleich ein weiteres Kapitel in einer über hundertjährigen Geschichte aus Höhen, Brüchen und Neuanfängen.

Reine Produktion oder eigene Entwicklung?

Ein Punkt, der in der öffentlichen Diskussion oft untergeht: InovisCoat und FilmoTec haben in der Vergangenheit nicht nur bestehende Filme nachproduziert, sondern nachweislich eigene neue Emulsionen entwickelt. Bei FilmoTec arbeiten laut eigenen Angaben noch heute Fachleute, die ihre Ausbildung in der originalen ORWO-Tradition erhalten haben. Aus dieser Kompetenz entstanden in den vergangenen Jahren mehrere komplette Neuentwicklungen – etwa der Negativfilm NC500 sowie NP100 und NC400. Auch ein neuer Kino-Farbfilm wurde nach mehrjähriger Entwicklungsarbeit angekündigt.

Diese Entwicklungskompetenz ist also durchaus real und dokumentiert. Allerdings sollte man dabei nicht übersehen, dass es in der Community wiederholt Zweifel gab, ob angekündigte Neuentwicklungen tatsächlich in relevanten Stückzahlen bei Kund:innen ankamen – in einschlägigen Foren wurde etwa gefragt, wo eine bereits 2022 angekündigte Produktion geblieben sei, wenn selbst einfache Meterware kaum erhältlich war. Diese Diskrepanz zwischen Ankündigung und Lieferfähigkeit passt zu dem bereits beschriebenen Transparenzproblem aus der Seal-Ära und ist ein Aspekt, in dem auch Optik Oldschool sich nun wird beweisen müssen: Technisches Können war offenbar immer vorhanden, verlässliche Marktversorgung dagegen nicht durchgehend.

Wer stellt heute weltweit noch Film her?

Um die Bedeutung dieser Übernahme einzuordnen, lohnt der Blick auf die verbliebene globale Konkurrenz. Je nach Zählweise gelten aktuell zwischen vier und 17 Werke weltweit noch als aktive Filmhersteller – die Zahl schwankt in der Fachpresse, weil manche Übersichten auch kleine Nischenbetriebe mitzählen, andere nur die großen Namen. Bei Farbfilm ist der Kreis deutlich kleiner: hier werden meist vier bis sechs Werke genannt.

HerstellerLandFarbfilm?Einordnung
KodakUSAJaGrößter verbliebener Vollsortimenter, investiert aktuell in neue Anlagen
Harman Technology (Ilford)GroßbritannienJaSchwarzweiß-Marktführer, fertigt auch für andere Marken
FujifilmJapanJaSortiment schrumpft spürbar, Teile werden inzwischen von Kodak gefertigt
InovisCoat/FilmoTec (jetzt Optik Oldschool)DeutschlandJaEiner der wenigen verbliebenen Farbfilm-Hersteller, laut manchen Quellen inzwischen auch mit Film Ferrania verbunden
Lucky FilmChinaJaBringt Berichten zufolge neue Emulsionen auf den Markt
Polaroid B.V.NiederlandeJaSofortbildfilm
Foma BohemiaTschechienNeinSchwarzweiß-Nischenhersteller seit 1921
Shanghai Film GroupChinaNein
Svema / TasmaUkraine / RusslandNeinUnsichere, wenig aktuelle Datenlage
SPUR (fertigt auch für Adox/Rollei)DeutschlandNein

Wichtig zur Einordnung: Viele bekannte Filmmarken – etwa Lomography, CineStill, Rollei oder Kono – produzieren nicht selbst, sondern lassen bei den oben genannten Werken fertigen oder verändern bestehendes Filmmaterial, häufig von Kodak. Auch zwischen den großen Herstellern gibt es Verflechtungen: Manche Fujifilm-Produkte entstehen im selben Werk wie Ilford-Filme, andere werden inzwischen von Kodak für Fuji hergestellt. Mit der Übernahme von InovisCoat/FilmoTec rückt Optik Oldschool also tatsächlich in eine sehr kleine, namentlich fassbare Gruppe globaler Farbfilm-Hersteller auf – neben Kodak, Fujifilm, Harman/Ilford, Lucky und Polaroid.

Was bedeutet das für die analoge Fotografie?

Für die Szene ist die Konsolidierung ein zweischneidiges Schwert. Einerseits verspricht die Bündelung von Emulsionsentwicklung, Beschichtung und Produktion unter einem Dach mehr Stabilität für eine der letzten verbliebenen europäischen Filmfabriken – und damit eine reale Chance auf Weiterentwicklung, auch im Bereich Kinofilm. Andererseits bedeutet jede Konsolidierung auch eine Verringerung der Bezugsquellen: Wenn ein einzelnes Unternehmen einen wachsenden Teil der europäischen Filmproduktion kontrolliert, wächst auch die Abhängigkeit von dessen wirtschaftlichem Erfolg.

Angesichts der Vorgeschichte – von Agfa über die gescheiterte ORWO AG bis zu Jake Seals umstrittener Ära – ist gesunde Skepsis angebracht. Ob Optik Oldschool tatsächlich die notwendige Stabilität, Investitionsbereitschaft und Transparenz mitbringt, um aus dieser Übernahme mehr zu machen als das nächste Kapitel einer Geschichte voller großer Versprechen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Bis dahin freue ich mich darauf, den OptiColour auszuprobieren, der seit einiger Zeit in meinem Kühlschrank wohnt 😉

Hinweis: Für die Recherche zu diesem Beitrag habe ich KI genutzt.

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